Geschichten

Helden des kulturellen Erbes: die Schönheit des Textildesigns mit Rosanna Falconer

Von der Entdeckung ihrer eigenen Bildsprache durch die alte Kunst des Blockdrucks bis zur Freude an der Zusammenarbeit mit Kunsthandwerker:innen aus verschiedenen Kulturen

Photo of Georgina Groom-Rietschy

24. Juni 20266 min

Helden des kulturellen Erbes: die Schönheit des Textildesigns mit Rosanna Falconer
Helden des kulturellen Erbes: die Schönheit des Textildesigns mit Rosanna Falconer

Helden des kulturellen Erbes stellt Kunsthandwerker:innen vor, die jahrhundertealte Techniken und Traditionen bewahren. In dieser Reihe suchen wir nach Werkstätten, für die sich ein Umweg lohnt, nach Erlebnissen, die den Charakter eines Reiseziels einfangen, und nach Erinnerungsstücken, die noch lange nach der Reise Bedeutung behalten.

Jaipur, fünf Stunden südwestlich von Delhi, zieht Besucher:innen mit seinen markanten Terrakotta-Fassaden, nach Gewürzen duftenden Basaren und seiner königlichen Geschichte an. Doch jenseits der Paläste und rosafarbenen Straßen liegt ein Zentrum der kreativen Szene Indiens, in dem die Kunst des Blockdrucks seit Jahrhunderten gepflegt wird. In den Werkstätten der Hauptstadt Rajasthans drucken Kunsthandwerker:innen mit handgeschnitzten Holzstempeln und außergewöhnlicher Präzision kunstvolle Muster auf Baumwolle und Seide.

Rosanna Falconer beim Blockdruck. Foto: Saurabh Srivastava

Rosanna Falconer ist Textildesignerin und lebt abwechselnd in London und Jaipur. Sie hat die Modebranche verlassen, um sich dem Handwerk des Blockdrucks zu widmen. Heute entwirft sie blockbedruckte Tischwäsche, Quilts und Kissenbezüge, inspiriert von ihrer Kindheit auf dem englischen Land. „Blockdruck ist ein Medium, das zeitgenössischen Ideen Form geben kann und zugleich an einem Ort verwurzelt bleibt, ohne von Tradition eingeengt zu werden“, sagt sie. „Ich liebe es, wie die kleinen Unregelmäßigkeiten die menschliche Hand sichtbar machen – sie erinnern daran, dass etwas Greifbares langsam und mit Sorgfalt entstanden ist.“

Was hat dich zuerst am Blockdruck fasziniert?

Es gab keinen einzelnen Moment, der mich zum Blockdruck geführt hat. Es war eher eine langsame Veränderung meiner Sichtweise. In Jaipur gehört Blockdruck zum Alltag: Man sieht ihn in den leuchtenden Sanganeri-Drucken, in die auf dem Phool Mandi, dem Blumenmarkt, Ringelblumen gewickelt werden, oder in frisch bedruckten Stoffbahnen, die in der Altstadt zum Trocknen von den Veranden hängen.

Ich wollte wissen, wie meine eigenen Arbeiten – zarte Aquarelle und florale Zeichnungen – in einem so präzisen Handwerk wirken können. Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Kunsthandwerker:innen habe ich gelernt, dass Blockdruck die Zartheit handgemalter Motive nicht aufhebt, sondern ihnen eine weitere Dimension verleiht. Die kleinen Unregelmäßigkeiten und übereinanderliegenden Farben schaffen Tiefe und Charakter, die maschineller Druck nicht nachbilden kann.

Quilt von Rosanna Falconer

Gibt es Mentor:innen oder Kreative, die deine Arbeit geprägt haben?

Shivina Kumari Singh, die Mutter einer engen Freundin, hat meine Entwürfe stark beeinflusst. Sie verfügt über ein außergewöhnliches Wissen über den Blockdruck und darüber, wie er sich neu einsetzen lässt. Seit vielen Jahren berät sie Luxusmarken in Europa und Indien. Wir teilen die Liebe zu verspielten Prints und Farben, und sie erkennt oft instinktiv, was nicht funktioniert, noch bevor ich es selbst benennen kann. Sie hat mich auch mit der Familienwerkstatt bekannt gemacht, die heute meine Kollektionen fertigt. Braj, der die Werkstatt leitet, ist in seinen Ratschlägen knapp und sehr präzise.

Kissenbezug von Rosanna Falconer

Wie prägt dein Leben zwischen Großbritannien und Jaipur deine Arbeit?

Es hat mich in meiner kreativen Arbeit offener und intuitiver gemacht. Besonders Jaipur hat mich gelehrt, feste Zeitpläne loszulassen. Dinge fügen sich oft erst im letzten Moment – aber sie fügen sich. Dafür braucht es ein gewisses Vertrauen in den Prozess.

London bringt eine andere Art von Disziplin mit sich: Struktur, Tempo und Klarheit bei der Umsetzung. Durch den Wechsel zwischen beiden Orten kann ich beide Ansätze miteinander verbinden: Respekt vor Prozess und Präzision, aber auch die Bereitschaft, Dinge organisch entstehen zu lassen. Ich bin in den Cotswolds aufgewachsen, und meine Eltern leben noch immer im selben Haus. Es fühlt sich fast wie ein Familienmitglied an. Die Landschaft dort ist mir zutiefst vertraut und prägt meine Bildsprache bis heute. Diese englischen Blumenmotive, diese Weichheit und das Gefühl für den Ort nehme ich mit in meine Arbeit in Jaipur.

Holzstempel für den Druck. Foto: Saurabh Srivastava

Was bedeutet es, das Handwerk des Blockdrucks lebendig zu halten, in einer Zeit, in der so viel Textilproduktion automatisiert ist?

Als Interior Designerin bin ich mir sowohl des Handgemachten als auch des Maschinellen bewusst – und der Rolle, die beides spielt. Blockbedruckte Textilien erfordern einen bewussteren Umgang: Sonnenlicht lässt die Farben weicher werden, und sie sollten schonend gewaschen werden. Aber genau das gehört dazu, wenn man sich für sie entscheidet.

Für mich bedeutet der Erhalt eines Handwerks wie des Blockdrucks nicht, den Fortschritt abzulehnen. Es geht darum, einen anderen Produktionsrhythmus zu bewahren. In jedem Stück ist die Hand der Macher:innen spürbar: die kleinen Unregelmäßigkeiten, die übereinanderliegenden Farbschichten, die darin steckende Zeit. All das schafft eine Tiefe, die maschinell nicht nachgebildet werden kann. Dazu kommt eine soziale Dimension, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Diese Handwerke stärken kreative Gemeinschaften und sorgen dafür, dass Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde, auch heute noch Wert, Relevanz und einen Platz im zeitgenössischen Design hat.

Wie arbeitest du mit der lokalen Gemeinschaft zusammen und wie unterstützt du sie?

Neben meiner Designarbeit leite ich in Jaipur kleine Kreativworkshops für Schüler:innen der Vimukti Sanstha, einer gemeinnützigen Schule, die jungen Menschen aus benachteiligten Verhältnissen Bildung und berufliche Perspektiven ermöglicht. Die Workshops sind bewusst praktisch angelegt – vom Blockdruck bis zur dekorativen Malerei – und sollen sowohl Selbstvertrauen als auch kreative Fähigkeiten stärken. Die Unterstützung geht aber über die Workshops hinaus: Ein Teil meines jährlichen Gewinns sowie die Einnahmen aus Ticketveranstaltungen werden an die Organisation gespendet.

Tischwäsche von Rosanna Falconer

Ein privater Afternoon Tea im Rambagh Palace in Jaipur für Chase Sapphire Reserve mit Rosannas Rose Orchard Print

Welches Projekt ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Ein privater Afternoon Tea im Rambagh Palace in Jaipur für Chase Sapphire Reserve, der am Vorabend von Holi stattfand. Mein Rose Orchard Print wurde im gesamten Setting eingesetzt – als Vorhänge und sogar als Deckenbespannung – und schuf so eine vollständig immersive Umgebung. Es fühlte sich an wie ein Meilenstein, meine Arbeit in einen so herrschaftlichen Raum zu bringen, noch dazu mit völliger kreativer Freiheit. Auch der Zeitpunkt war entscheidend: Die Idee war, vor der intensiven Farbenpracht von Holi etwas Ruhiges und Bedachtes zu schaffen – mit sanften Blautönen, Gartengrün und dem charakteristischen Saphirblau der Marke.

Rosannas neue Kollektion Jaipur Blossom

Erzähl uns von deiner neuen Kollektion

Jaipur Blossom ist der bisher detailreichste und vielschichtigste Print meiner Kollektion. Am Anfang stand die Zeichnung einer Vase aus blauer Keramik, gefüllt mit einem Gartenstrauß: blühende Rosen, Hortensien, Birnenblüten und kleine Zaunkönige, die sich durch das Motiv ziehen. Das zentrale Motiv, der Butta, erscheint im Muster in regelmäßigen Abständen. Dieselben floralen Elemente breiten sich zu einem passenden Jaal aus – einem Geflecht aus miteinander verbundenen Stielen und Blättern, das dem Print Bewegung und Fülle verleiht.

Was hoffst du, dass Menschen empfinden, wenn sie eines deiner Stücke in ihr Zuhause holen?

Vor allem Freude. Ob auf einem gedeckten Tisch, auf einem Sofa mit Kissen oder auf einem Bett mit Quilt: Ich hoffe, dass der Raum einladend wirkt, bewohnt und im Alltag auf leise Weise festlich. Und darüber hinaus wünsche ich mir, dass die handwerkliche Arbeit hinter jedem Stück spürbar bleibt.

Rosannas nächster Londoner Pop-up findet vom 11. bis 13. Juni 2026 bei Smock London an der King’s Road in Chelsea statt. Die Kollektion gibt es auf rosannafalconer.com

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