Reisen
Sieben der schönsten Zugreisen der Welt
Von Norwegens Mitternachtssonne bis zur höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt: Zugreisen von ihrer eindrucksvollsten Seite
17. Juni 2026∙6 min


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Von Norwegens Mitternachtssonne bis zur höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt: Zugreisen von ihrer eindrucksvollsten Seite
17. Juni 2026∙6 min


Monisha Rajesh ist eine britische Journalistin und vielfach gelobte Reiseschriftstellerin mit Schwerpunkt auf Bahnreisen. Ihr Buch „In 80 Zügen um die Welt“ wurde 2019 von National Geographic als Travel Book of the Year ausgezeichnet. In ihrer Arbeit geht es um kulturelles Eintauchen und darum, Landschaften weltweit entlang von Zugstrecken zu erleben.
Viele Reisende überlegen heute bewusster, wie sie unterwegs sind. Statt klassischer Strandferien mit Flug suchen sie nach langsameren, intensiveren Erlebnissen, bei denen sie ihre Umgebung besser kennenlernen und ihren CO₂-Fußabdruck verringern können. Reisen mit der Bahn passen genau zu dieser Haltung. Sie öffnen den Blick auf Dschungel, Wüsten und Berge. Vom Belmond Andean Explorer, der Reisende tief in die peruanischen Anden bringt, bis zum geschichtsträchtigen Reunification Express, der durch die Hinterhöfe von Hanoi fährt: Hier stellen wir sieben der schönsten Bahnstrecken der Welt vor, auf denen schon die Fahrt selbst zum Ziel wird.
Monisha unterwegs mit der Nordlandsbahn von Trondheim nach Bodø. Foto: Marc Sethi
Die Nordlandsbahn ist mit 725 Kilometern die längste Bahnstrecke Norwegens. Sie führt an den kieseligen Ufern des Trondheimfjords entlang und weiter durch die Fichtenwälder von Trøndelag, wo in der Dämmerung Rehe zwischen den Bäumen auftauchen. Die Strecke führt über 293 Brücken und durch 154 Tunnel. Besonders schön ist die Fahrt als Nachtzug zwischen Mitte Mai und Mitte Juli, in der Zeit der Mitternachtssonne. Dann wirkt der Fjord wie flüssiges Metall, getaucht in das Rosa und Rot eines Sonnenuntergangs, der nie ganz endet. Der Zug fährt fast lautlos, sodass man ruhig schlafen kann, und man wacht kurz südlich des Polarkreises mit Blick auf die eindrucksvollen Saltfjellet-Berge auf. Ihre Gipfel leuchten bereits im nordischen Licht. Mit einem Kaffee und einem Kanelboller, einer klebrigen Zimtschnecke, sitzt man am besten rechts im Speisewagen, folgt den Fjorden an Kiefernwäldern vorbei und hält Ausschau nach Rentieren an den Hängen.
Der Reunification Express in Hanoi. Foto: Elric Pxl, Unsplash
Die Nord-Süd-Bahn wurde 1976 wiederaufgebaut, nachdem sie im Vietnamkrieg zerstört worden war. Sie galt als Symbol der Einheit. Kurz darauf nahm der Reunification Express seine Fahrten zwischen Hanoi und Saigon wieder auf. Über zwei Nächte fährt der Zug durch das ganze Land. Tourist:innen schlafen in Liegewagenabteilen, Pendler:innen sitzen auf schmalen Holzbänken, Körbe mit Geflügel zu ihren Füßen verstaut. Wer den Vorhang offen lässt, sieht, wie der Zug nach Einbruch der Dunkelheit langsam aus Hanoi rollt und das Innenleben der Stadt freilegt: Köch:innen spritzen in den Gassen Pfannen ab, Freund:innen spielen unter Bäumen Karten, Familien lassen den Abend ausklingen. Am Morgen zieht der Duft nasser Reisfelder durch die offenen Fenster. Palmen säumen die Gleise, ihre wachsartigen Blätter schlagen gegen die vergitterten Scheiben. Zwischen Hué und Da Nang lohnt sich ein Platz auf der linken Seite, wenn der Zug an einer Steilküste entlangwindet und das Südchinesische Meer in blauem Dunst auftaucht.
Die Qinghai-Tibet-Bahn von China nach Tibet. Fotos: Marc Sethi





Nur wenige Reisen nehmen einem wirklich den Atem. Doch der Zug von Xining in China nach Lhasa in Tibet fährt auf der höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt. Über Nacht wird gereinigter Sauerstoff in die Abteile geleitet. Die Fahrt mit dem Z8991 dauert 20 Stunden und beginnt kurz vor 22 Uhr. Zunächst fährt der Zug durch die Dunkelheit, bis die Morgendämmerung über der trockenen, gelben Weite des Qinghai-Plateaus anbricht. Der Himmel ist makellos blau, die Erde zeigt sich in einer fast erschreckenden Ursprünglichkeit. Stundenlang fährt der Zug an Seen entlang, die wie Ozeane wirken, an samtig weichen Bergen, die in der Ferne verschwimmen, und an zotteligen Yaks, die das Plateau durchziehen. Wenn er in die Felsen des Kunlun-Gebirges steigt, schimmern die Abteile im Licht von Eis und Schnee. Auf der Fahrt hinab nach Lhasa flattern bunte Gebetsfahnen im Wind, ein Buick-Showroom taucht am Fenster auf, und über dem Bahnhof weht unheilvoll die chinesische Flagge.
Der Mandovi Express in Goa. Foto: Arun Prakash, Unsplash
Kurz nach 7 Uhr morgens rollt der Mandovi Express langsam aus dem Schatten des Chhatrapati Shivaji Maharaj Terminus in Mumbai. Er rattert durch das Herz der Megacity, wo Koels aus den Bäumen rufen und Kochrauch durch offene Türen zieht. Dann biegt der Zug nach Westen ab und folgt der Konkan-Küste Richtung Goa, mit den Sahyadri-Bergen auf der einen und dem Arabischen Meer auf der anderen Seite. Bekannt ist er auch für seinen Speisewagen, den viele für einen der besten der Indian Railways halten. Dazu kommen Händler:innen, die ihre Waren durch die Gänge tragen: heiße Samosas, frisches Biryani und unzählige Becher honigsüßen Tees. Am besten reist man in der 3AC-Klasse, in der alle miteinander ins Gespräch kommen und Snacks teilen. Durch die offenen Fenster blickt man auf Kokoshaine und sich kreuzende Palmen, während der Zug durch 92 Tunnel und über mehr als 2.000 Brücken fährt. Höhepunkt ist der Panval-Nadi-Viadukt, die zweithöchste Eisenbahnbrücke Indiens.
Blick auf Kars vom Doğu Express. Foto: Hakam Magdea
Den Doğu Express gibt es seit den 1930er-Jahren in verschiedenen Formen. In den letzten Jahren ist er zu einem Phänomen geworden, nachdem ein schwedischer YouTuber Aufnahmen der verschneiten Landschaften und dunklen Flussbänder auf der Strecke von Ankara nach Kars nahe der armenischen Grenze veröffentlicht hatte. Heute sind die Tickets ausgebucht, sobald sie freigegeben werden, vor allem bei türkischen Gen-Z-Reisenden. Sie schmücken die Abteile mit Lichterketten, packen Gebäck, Käse und Aufschnitt aus und entdecken dabei die Schönheit vor der eigenen Haustür. Besonders beliebt ist die Fahrt im Winter. Sie dauert 26 Stunden, führt durch Schneeverwehungen, rattert über Brücken und bringt die Reisenden bis dicht an die anatolischen Berge heran. Im Speisewagen, wo Kebabs auf dem Grill brutzeln, lernen Passagier:innen einander kennen, teilen Baklava, hören Musik oder versinken in Gedanken, während der Zug den Kurven des Euphrat folgt.
Der Andean Explorer. Fotos: Belmond




Der Andean Explorer ist der höchstgelegene Luxus-Schlafwagenzug der Welt und der einzige Personenzug, der Reisende tief in die peruanischen Anden bringt. Er startet in Cusco, der früheren Hauptstadt des Inkareichs, und windet sich nach Süden bis Puno. Unterwegs rattert der Zug durch Schluchten, in denen das satte Grün des Urubamba-Flusses über Felsen sprudelt und Lamas an den Ufern knien. Terrassenfelder, sogenannte Andenes, ziehen sich die Hänge hinauf. Sie zeugen vom Einfallsreichtum der Inka, die Mikroklimata schufen, um Quinoa, Getreide und Kartoffeln anzubauen. Diese Zutaten stehen auch auf der Speisekarte neben zitronenfrischem Ceviche, Forellenkaviar und Rinderfiletspießen. Mit einem Pisco Sour in der Hand steht man auf der offenen Aussichtsplattform, spürt den Wind von den Berghängen und sieht, wie das Sonnenlicht über die darunterliegenden Bäche flackert. Wenn die Dunkelheit fällt und Schatten über die Hänge ziehen, verwandelt sich die Landschaft in eine beinahe mystische Weite, in der hohes Gras flüstert und Milliarden Sterne leuchten.
The Skeena. Foto: Damien Dufour, Unsplash
Zug 5 von VIA Rail Canada bringt Reisende von der Grenze Albertas tief in den ungezähmten Nordwesten von British Columbia. Liebevoll Rupert Rocket genannt oder schlicht The Skeena, startet er in der Wildnis des Jasper-Nationalparks und nimmt sich zwei Tage Zeit bis zur Hafenstadt Prince Rupert. Mit Blick auf die Rocky Mountains direkt neben den Gleisen, auf schäumende Flüsse, Karibus am Waldrand und Grizzlys zwischen den Bäumen, fühlt sich die Reise fast wie eine Safari auf Schienen an. An Bord liegt dabei eine spürbare Aufregung in der Luft. Noch besonderer macht die Strecke, dass sie als Bedarfshalt geführt wird. Der Lokführer hält also für alle, die aus dem Wald treten: Pilzsammler:innen, Angler:innen oder verirrte Wander:innen. So bekommt man einen Eindruck davon, wie abgelegene Gemeinden in Kanada funktionieren. Im Herbst ist die Fahrt besonders schön, wenn die Farben vor einem leuchtend blauen Himmel hervorstechen: türkisgrüne Seen glänzen wie Glas, die Hänge brennen in Rot, Gold und Gelb. In ruhigen Momenten öffnet man die obere Hälfte der Übergangstür und atmet den Duft von Balsamkiefern ein, während die Wildnis vorbeizieht.
Monisha Rajeshs viertes Buch, Moonlight Express: Around the World by Night Train, erscheint bei Bloomsbury.

Milly Kenny-Ryder
Autorin und Fotografin
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Laura Havlin
Fotografie-Autorin
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