Es gibt immer eine Straße, die irgendwann zu deiner wird. Nicht, weil sie die prächtigste oder meistfotografierte ist, sondern weil du sie oft genug überquert hast, bis sie sich vertraut anfühlt. Beim ersten Mal ist sie nur Kulisse. Beim zweiten Mal dient sie der Orientierung – du beginnst zu verstehen, wie sie verschiedene Orte miteinander verbindet. Beim fünften oder sechsten Mal zeigt sie ihre leiseren Details: Du weißt, welcher Hauseingang das erste Licht einfängt, welches Café am frühesten öffnet und wo der Gehweg plötzlich schmal wird.
Für mich sind die ersten Begegnungen mit einer Stadt meist weitläufig. Der Impuls ist, Strecke zu machen, möglichst viel zu sehen und ganze Viertel zu sammeln, als wäre Vollständigkeit erreichbar. Oft schwingt ein leiser Druck mit, einen Ort „richtig“ zu erleben und nichts auszulassen. Mein erstes London-Buch folgte genau diesem Impuls – von Bezirk zu Bezirk, in weiten Bögen über die Karte, mit Tagen, die sich nach Distanzen statt nach Tiefe richteten. Mit jedem weiteren Projekt – Paris, New York, Dublin und Amsterdam – wurde der Radius kleiner. Nicht aus Planung, sondern durch Wiederholung – und vielleicht durch Vertrauen. Vertrauen darauf, dass die Rückkehr in dieselbe Straße mehr offenbart als ständig weiterzuziehen.