Geschichten

Das Foto, das mich verändert hat: Gedanken am Comer See

Inspiriert von Urlaubsfotos aus den 1980er-Jahren, auf denen ihre Mutter und ihre Onkel zu sehen sind, reist die Journalistin und Fotografin Gina Jackson nach Italien, um sich mit Familie, Identität und Zugehörigkeit auseinanderzusetzen.

Smiling woman with long dark hair, wearing a pink top, against a plain background.

Gina Jackson

Journalistin und Fotografin

23. Okt. 20257 min

A collection of scattered photographs, including a group portrait and scenic views of a city skyline and a mountain.
A collection of scattered photographs, including a group portrait and scenic views of a city skyline and a mountain.

Es gibt ein Foto – eigentlich eine ganze Reihe von Fotos –, das meine Sicht auf Reisen, Identität und Zugehörigkeit geprägt hat und bis heute prägt. Auf diesen Bildern ist meine Mutter mit ihren Brüdern im Urlaub zu sehen. Sie sind irgendwo zwischen Kindheit und Jugend. Hinter der Kamera steht meine geliebte Großmutter und hält diese flüchtigen Momente fest.

Glamouröse Urlaube gehörten jedoch keineswegs zum Alltag in der Kindheit meiner Mutter. Tatsächlich gab es eher selten Möglichkeiten zum Reisen. In den 1980er-Jahren wäre es ungewöhnlich gewesen, eine chinesische Familie im Urlaub in Europa zu sehen – besonders eine chinesische Familie, die den weiten Weg aus Malaysia auf sich genommen hatte. Und doch komme ich, wie sich herausstellt, aus einer langen Reihe furchtloser Reisender: Mein Urgroßvater gehörte zu den ersten Malaysiern chinesischer Herkunft, die im Ausland studierten, und auch meine Großmutter ging nach England. Sie erzählte später von mehreren Situationen, in denen man sie wegen ihrer Hautfarbe aus Hotels und anderen Einrichtungen abgewiesen hatte.

Das steht in starkem Kontrast zu der Realität, in der ich heute lebe: Mit meinem britischen Pass kann ich die meisten Länder der Welt problemlos bereisen. Das war auch lange vor der Hyperglobalisierung des Reisens, wie wir sie heute kennen. Heute buchst du eine Reise mit ein paar Fingertipps auf dem Smartphone, während Instagram und KI ganze Reiserouten zusammenstellen. In der Jugend meiner Mutter dagegen erforderten Urlaube sorgfältige Planung und aufwendige Recherche – und auch eine gewisse Kühnheit, denn man begab sich in weitgehend unbekanntes Terrain.

Ich komme aus einer langen Reihe furchtloser Reisender: Mein Urgroßvater gehörte zu den ersten Malaysiern chinesischer Herkunft, die im Ausland studierten.

Four people posing on a boat with a scenic lake and mountains in the background, dressed in suits and smiling.

Ginas Mutter im Urlaub am Comer See mit ihren Brüdern im Jahr 1987

Und doch sind sie da auf diesen Fotos aus den 1980er-Jahren, mitten in einem Abenteuer, das für mich bis heute außergewöhnlich wirkt: eine Europareise, zu der auch ein Aufenthalt im prachtvollen Grand Hotel Tremezzo am Comer See gehörte – ein Geschenk einer großzügigen Tante. Auf einem Bild hängen meine Onkel über dem Balkon ihres Hotelzimmers und grinsen über beide Ohren; auf einem anderen blickt meine Mutter liebevoll über den See, während sie am Pool der nahegelegenen Villa d’Este entlanggeht.

Im Gegensatz zur Kindheit meiner Mutter war meine eigene von Bewegung und Reisen über Kontinente hinweg geprägt. Unsere Familienurlaube gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen: Gelato essen, während wir durch die gepflasterten Straßen von Siena schlendern; um vier Uhr morgens Zimmerservice bestellen, weil wir in Hongkong wegen des Jetlags wach lagen; und Schrittrekorde aufstellen, während wir uns durch die berühmten Museen und Galerien von New York bewegen.

Diese Urlaube zeigten mir eine Welt, die weit größer war als die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, und machten mir klar, dass Reisen vor allem Entdeckung bedeutet. Meine Eltern waren leidenschaftliche Reisende, voller Neugier und Mut, und bewegten sich oft in Räumen, in denen sie nicht immer willkommen waren. Doch trotz der Neugier, die ich von ihnen übernommen habe, fühlte ich mich als Kind auf Reisen durch Europa – und sogar innerhalb Großbritanniens – häufig unsicher. Ich erinnere mich noch gut an eine Reise in eine abgelegene Gegend in Wales, wo wir angestarrt wurden, als wären wir Außerirdische.

Two people posing in front of a grand building with manicured gardens, overlooking a lake and mountains under a clear sky.

Ginas Familie übernachtete im prachtvollen Grand Hotel Tremezzo am Comer See

Two people stand on a balcony overlooking a scenic view of a lake and mountains, with buildings and a road below.

Diese Urlaube zeigten mir eine Welt, die weit größer war als die Stadt, in der ich aufgewachsen bin

Aerial view of a coastal road lined with parked cars, buildings, and a patio with an umbrella overlooking a body of water.

Mehr als dreißig Jahre nachdem die verschwommenen Fotos meiner Mutter und meiner Onkel am Comer See entstanden waren, standen meine Schwester und ich plötzlich am selben Ort – und übernachteten im selben Hotel: dem Grand Hotel Tremezzo. Die Bedeutung dieses Kreises, der sich schloss, war mir sofort bewusst. Ein Ort, an dem meine Familie einst wegen ihrer Hautfarbe vielleicht aufgefallen wäre, empfing mich nun ganz selbstverständlich, um das Hotel als Reisejournalistin zu testen.

Das Hotel war genauso glamourös und glanzvoll, wie ich es mir erhofft hatte und der Comer See sogar noch spektakulärer. Die weite Wasserfläche wirkte in ihrer Ruhe zugleich dramatisch und majestätisch, funkelte im Sonnenlicht und war aus allen Richtungen von Bergen und farbenfrohen Dörfern umgeben. Als wir im Taxi die kurvenreiche Straße am See entlangfuhren, verschlug mir seine schiere Größe den Atem. Das Grand Hotel Tremezzo ist seit langem untrennbar mit dem See verbunden: eine echte Grande Dame, die seit mehr als einem Jahrhundert an seinem Ufer steht, mit leuchtend orangefarbenen Sonnendächern vor der buttergelben Fassade. Vor dem Hotel schwimmt ein Pool direkt auf dem See, eingerahmt von rot-weiß gestreiften Sonnenschirmen.

Unsere drei Tage dort vergingen in ausgelassener Freude: Safran-Risotto genießen, sogar mit Blattgold bestreut; mit einem eleganten Riva-Speedboot über den See gleiten; und morgens Espresso auf dem Balkon trinken, hoch über dem Wasser. Der Aufenthalt war schlicht herrlich – ein sonniger Sommerausflug, der sich anfühlte, als lebten wir einen Traum aus den Fotografien von Slim Aarons. Der Besuch am Comer See war in gewisser Weise auch ein stiller Akt der Selbstbehauptung. Wir gehörten dorthin, genauso wie alle anderen. Dass ich eingeladen wurde, ein Hotel zu testen, das meinen Vorfahren einst vielleicht ein wenig feindselig erschienen wäre, war der Beweis dafür.

Two people stand by a pool with a scenic backdrop of mountains, palm trees, and a lake. Flags are visible, and the sky is partly cloudy.

Der Besuch am Comer See war in gewisser Weise ein stiller Akt der Selbstbehauptung – die Einladung, dieses Hotel zu testen, war der Beweis dafür

Dieses Foto erinnert mich daran, dass wir nicht überall willkommen sein werden, wohin wir reisen. Doch das sollte uns nicht davon abhalten, aufzubrechen. Wir wachsen nur, wenn wir unterwegs sind. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, einen Ozean zu überqueren oder ins Flugzeug zu steigen. Manchmal reicht schon eine Reise in eine andere Stadt oder in eine andere Region des eigenen Landes. Reisen bedeutet, unsere Komfortzone zu verlassen und unseren Blick auf die Welt zu erweitern. Es bedeutet, andere Kulturen kennenzulernen und zu verstehen. Neue Landschaften zu entdecken, andere Speisen zu probieren und Menschen zu begegnen, die ganz anders aussehen als wir und Sprachen sprechen, die wir nicht verstehen. Lächeln und Freundlichkeit sind universell. Und auch wenn ich mich an fremden Orten manchmal eingeschüchtert oder unerwünscht fühle, ist es diese tiefe Neugier, Neues zu entdecken und daran zu wachsen, die mich weitergehen lässt. Verglichen mit dem, was meine Vorfahren erleben mussten, sind diese Herausforderungen gering – und ich empfinde es als großes Privileg, die Welt auf diese Weise kennenlernen zu dürfen.

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