Reisen

21 Fotos: Die Isle of Man jenseits der Karte

Eine Insel zwischen Wikingersagen, historischen Dampfbahnen und wildem Licht der Irischen See

Rupert Clague

22. Apr. 20267 min

21 Fotos: Die Isle of Man jenseits der Karte
21 Fotos: Die Isle of Man jenseits der Karte

Rupert Clague ist ein kanadisch-britischer Dokumentarfilmer und Journalist. Er schreibt über Orte und Menschen, die sich einfachen Erklärungen entziehen. Für diesen Text kehrt er auf die Isle of Man zurück – die Insel, in die er sich mit acht Jahren verliebte. Diesmal mit Kamera und neuem Blick.

Ruperts Postkartenentwurf mit acht Jahren

Mit acht Jahren habe ich die Isle of Man zum ersten Mal „auf die Karte gesetzt“. Kurz zuvor waren wir aus Kanada hierhergezogen – vom zweitgrößten Land der Welt auf eine Insel, die mir winzig erschien. Ich hatte an einem Wettbewerb teilgenommen, bei dem man eine Postkarte gestalten sollte. Auf meinem Entwurf kippte eine Schatztruhe ihren Inhalt aus: Burgen, ein Wikinger-Langschiff mit einem BMW-Logo im Segel – warum auch immer – und eine Manx-Katze. Ich gewann. Die Postkarte wurde gedruckt und lag einen ganzen, glorreichen Sommer lang in den Souvenirläden der Insel aus. Ein paar Jahrzehnte später bin ich zurückgekommen. Diesmal mit Kamera, auf der Suche nach diesen Schätzen.

Die Isle of Man hat die Angewohnheit, zu verschwinden. Manannan, der keltische Meeresgott, nach dem sie benannt ist, soll sie mit einem Nebelmantel verborgen haben, um unerwünschte Besucher fernzuhalten. Bis heute rutscht die Insel durch kartografische Raster: Sie fehlt auf Wetterkarten und taucht in Nachrichtengrafiken nicht auf, weil niemand so recht weiß, welchem Land sie zuzuordnen ist. Die genaue Antwort lautet: keinem. Die Isle of Man regiert sich seit 979 selbst – und ist bis heute stolz auf ihre Unabhängigkeit.

Foto: Rupert Clague

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Anreise zur Insel

Nimm das Flugzeug. Die Fähre ab Liverpool ist nichts für empfindliche Mägen. Egal, wie du ankommst: Die Insel erscheint wie Avalon, wenn sich der graue Vorhang öffnet – monumental, still und unwirklich grün. Unter dir schimmert die Irische See, hell und ständig in Bewegung. Schon beim Landen überrascht dich das Licht. Der Himmel wechselt seine Stimmung im Minutentakt. Halte deine Kamera bereit.

Foto: Rupert Clague

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Vom Promenadenweg in Douglas siehst du zuerst den Tower of Refuge – eine kleine Burg, die mitten in der Bucht zu schweben scheint. 1832 ließ Sir William Hillary, Gründer der Royal National Lifeboat Institution, sie für Schiffbrüchige errichten. Ein Motiv für beinahe surreale Fotos. Noch mehr, wenn du es mit der Statue der Bee Gees im Vordergrund rahmst – stolze Söhne der Insel.

Foto: Rupert Clague

Fotos: Rupert Clague

Unterwegs auf der Insel

Für eine Insel, die für das gefährlichste Motorradrennen der Welt bekannt ist, geht es im Alltag erstaunlich gemächlich zu. Die viktorianische Dampfeisenbahn fährt noch immer zwischen Douglas und Port Erin – angeblich die Inspiration für Thomas, die kleine Lokomotive. Die Manx Electric Railway mit Mahagoniverkleidung und roten Samtsitzen folgt der Ostküste bis nach Ramsey, während eine Pferdebahn entlang der Strandpromenade der Hauptstadt verkehrt. Nimm die Dampfbahn am besten früh am Morgen, wenn das Licht flach steht und die Waggons fast leer sind. Dramatische Landschaften flackern am Fenster vorbei wie Bilder in einem Zoetrop.

Foto: Rupert Clague

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Wenn du mehr sehen möchtest, miete dir ein Auto oder ein Motorrad. Auf der Bergstraße gibt es kein Tempolimit; sie löst sich förmlich in den Wolken auf. Einmal im Jahr verwandelt das berühmte Tourist-Trophy-Rennen die öffentlichen Straßen in eine Rennstrecke und verdoppelt die Bevölkerung der Insel. Fahr von Douglas nach Peel der Sonne hinterher. Achte auf Loaghtan-Schafe – eine alte, dunkelwollige Rasse von der Insel, mit Hörnern, die sich wie die des Mephistopheles kringeln. Sie kommen mit fast beunruhigender Selbstverständlichkeit näher. In Peel steht eine beeindruckende Burg auf ihrer eigenen Gezeiteninsel.

Foto: Rupert Clague

Die spektakuläre Landschaft fotografieren

Komm im Sommer für lange, goldene Abende: Im Juni geht die Sonne erst gegen 22 Uhr unter. Heide färbt die Hügel violett, Stechginster leuchtet gelb, weiß getünchte Cottages blenden im Licht. Plötzlich ergeben die Farben des Manx-Tartans Sinn. Komm im Winter für das Dramatische: brechende Wellen, dunkel verfärbte Wolken und Sturmwinde, die die Einheimischen blowing a hoolie nennen – wenn es hier so richtig stürmt. Die Insel hat zwei Gesichter – sanft und rau – und beide lohnen sich für die Kamera.

Foto: Rupert Clague

Vom Gipfel des Snaefell – dem einzigen Berg der Insel – sieht man, was die Einheimischen die sieben Königreiche nennen: die Isle of Man, England, Irland, Schottland, Wales, den Himmel und das Meer. Der Raad ny Foillan, auf Manx-Gälisch „Weg der Möwe“, führt einmal rund um die Küste – rund 160 Kilometer Wanderwege, durchzogen von saisonalen Wildblumen und versteckten Buchten tief unter dir. Mit kaum vorhandener Lichtverschmutzung und 26 Dark Sky Discovery Sites ist der Sternenhimmel beeindruckend. Bring ein Stativ und eine Thermoskanne mit.

Foto: Rupert Clague

Tierwelt an Land und im Meer

Die Insel war die erste weltweit, die den UNESCO-Biosphärenstatus erhielt. Die berühmte Manx-Katze ist schwanzlos – oder fast. Es gibt sie als „stumpy“ mit kurzem Restschwanz und als „rumpy“ ganz ohne Restschwanz. Eine ungewohnte Erfahrung, wenn man sie streichelt. Du triffst sie überall auf der Insel, mit der Selbstverständlichkeit kleiner Beamter.

Foto: Rupert Clague

Vor der Küste ziehen Riesenhaie ihre Bahnen rund um das Calf of Man, eine kleine Insel an der Südwestspitze – einer der besten Orte in Europa, um sie vom Boot aus zu beobachten. Oder, etwas nervenaufreibender, vom Kajak. Kegelrobben ruhen auf den Felsen. Papageientaucher nisten an den Klippen des Calf. Wallabys – einst aus dem Wildpark entkommen – sind ebenfalls zahlreich. Und dann gibt es noch einen Drachen. Der „Drinking Dragon“ ist eine natürliche Felsformation vor der Südwestküste, die aus dem richtigen Winkel wie ein Wesen wirkt, das aus der Irischen See trinkt. Dafür brauchst du ein Boot – und das richtige Licht.

Foto: Rupert Clague

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Foto: Rupert Clague

Küche und Kultur

Geräucherte Kipper sind hier nicht verhandelbar. Traditionell kommen sie mit Marmelade auf Toast auf den Tisch – daran führt kein Weg vorbei. Das lokale Spätgericht aus Pommes, Käse und Bratensauce wird von den Inselbewohnern leidenschaftlich verteidigt und sollte mit Respekt probiert werden. Queenies, kleine Jakobsmuscheln, brät man am besten direkt am Meer – mit Speck, Knoblauch und Sahne.

Die Insel lebt nach dem Prinzip Traa-dy-liooar, Manx für „Zeit genug“. Du spürst es schon nach einer Stunde. Niemand hat es eilig. Auch die Nachrichten spiegeln das wider. Auf den Tafeln vor ruhigen Eckläden stehen Schlagzeilen wie: „Mann von Möwe attackiert“, „Zweifel an sprechendem Mungo“ oder „Mann versteckt Schweinefleisch in Hose“. Das ist kein Ort, der sich selbst allzu ernst nimmt. Und genau das macht seinen Reiz aus.

Foto: Rupert Clague

Das Verborgene und das Seltsame

Ein paar Dinge, die in keinem Reiseführer stehen: An der Fairy Bridge auf der Hauptstraße südlich von Douglas solltest du die Feen grüßen, wenn du sie überquerst. In den Bussen ertönt morgens die Durchsage Moghrey mie Vooinjer Veggey – „Guten Morgen, kleines Volk“ – und fordert die Fahrgäste auf, zu winken.

Das Parlament der Insel, Tynwald, gilt als die älteste ununterbrochen bestehende Volksvertretung der Welt und war das erste, das Frauen das Wahlrecht einräumte. Die Insel hat ihre eigene Währung – Pfund mit Manx-Motiven – und eine eigene gälische Sprache, in der noch Spuren des Altnordischen der Wikinger hörbar sind. Fast ausgestorben, wird sie heute wiederbelebt. Sie ist nicht ganz britisch, nicht ganz irisch – eigentlich nichts außer sie selbst.

Foto: Rupert Clague

Wenn ich heute auf die Postkarte schaue, die ich mit acht gemacht habe, war sie genauer, als ich dachte. Die Burgen gibt es wirklich. Die Katzen sind noch immer schwanzlos. Die keltischen Kreuze stehen noch. Was sie nicht zeigen konnte, war das Licht auf dem Wasser. Das Rauschen eines Wasserfalls in einer regengetränkten Schlucht. Oder die stille Freude an einem Ort, der zufrieden außerhalb der Karte existiert. Die Isle of Man belohnt den ruhigen Blick. Wenn du langsamer wirst, beginnt sie sich zu zeigen. Und wenn sie dir nicht gefällt – wie die Einheimischen sagen – fährt morgens ein Boot.

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