Das Foto, das mich verändert hat: Warum ich aufgehört habe, mein Abnehmen zu dokumentieren

Was als Fitnessroutine im Lockdown begann, entwickelte sich zu einer gefährlichen Fixierung auf Kalorien, Fortschrittsfotos und die Zahl auf der Waage. Heute löst sich Rebecca Cope davon und lernt, ihren Körper nach der Geburt neu zu lieben

Smiling woman with long brown hair wearing a white top and necklace, set against a pink background.

Rebecca Cope

Journalistin

19. März 20264 min

Das Foto, das mich verändert hat: Warum ich aufgehört habe, mein Abnehmen zu dokumentieren
Das Foto, das mich verändert hat: Warum ich aufgehört habe, mein Abnehmen zu dokumentieren

Als ich aufwuchs, interessierte ich mich kaum für Fitness. Ich machte keinen Sport, mochte den Sportunterricht nicht und konnte mir nicht vorstellen, durch Training stärker zu werden. Wie viele Mädchen, die Anfang der 2000er-Jahre erwachsen wurden, war auch ich überzeugt, dass mein Gewicht und meine Figur meinen Wert bestimmten. Es war schließlich die Zeit von Britney Spears’ Bauchmuskeln, den rot eingekreisten „Problemzonen“ in Klatschmagazinen und der Kohlsuppendiät. In der Oberstufe an meiner Mädchenschule waren Essstörungen allgegenwärtig. Eine Zeit lang lebte ich fast nur von einer Dose Dr Pepper und ein paar Mentholzigaretten am Tag. Über exzessiven Sport sprach dagegen kaum jemand – eigentlich sprach man über Sport generell nicht.

Erst während der Covid-19-Pandemie und des ersten Lockdowns im März 2020 wurde mir klar, dass ich etwas an meinem Gewicht ändern wollte. Nach dem Studium war ich nach London gezogen, um im Magazinjournalismus zu arbeiten – und damit kamen scheinbar endlose Gelegenheiten, kostenlos zu essen und zu trinken. Dazu kamen Wochenenden mit exzessivem Alkoholkonsum, gefolgt von einer Domino’s-Bestellung gegen den Kater. Es war daher kaum überraschend, dass ich zehn Jahre später zwei Kleidergrößen mehr trug und rund 13 Kilo schwerer war als zuvor.

Rebecca begann, ihren Gewichtsverlust in Fotos festzuhalten

Die Ruhe des Lockdowns gab mir das Gefühl, die Kontrolle zurückzugewinnen. Ich kannte mich mit Fitness-Influencer:innen aus und wusste, wie sie ihren Gewichtsverlust mit Fotos dokumentierten – angeblich, um Fortschritte festzuhalten, letztlich aber natürlich auch, um Produkte zu verkaufen. Ich begann, einigen von ihnen zu folgen, kaufte leichte Hanteln und einen Sport-BH und legte los. Ich bat meinen damaligen Freund, Fotos von mir zu machen – heute finde ich sie ehrlich gesagt ziemlich peinlich. Eines von vorne, eines von der Seite, die Arme erhoben, im Flur unserer Wohnung. Meinen Körper ungefiltert in Sport-BH und Leggings zu sehen, war unangenehm. Trotzdem glaubte ich nicht wirklich, dass sich viel verändern würde.

In den folgenden Monaten trainierte ich jeden einzelnen Tag – mehr als 100 Tage am Stück. Das Training half mir, meinen Alltag in dieser neuen, ungewohnten Situation zu strukturieren. Ich stand auf, machte mein Workout, duschte und begann dann zu arbeiten. Nach einem Monat bat ich meinen Freund erneut, Fotos von mir zu machen. Ich selbst bemerkte kaum Veränderungen, doch die Waage zeigte, dass ich ein paar Kilos verloren hatte.

Die Monotonie des Lockdowns ließ mich weitermachen. Nach einigen Monaten wurden die Veränderungen sichtbar – sowohl auf der Waage als auch auf den Fotos. Bald begann ich, Collagen zu erstellen, um Vorher- und Nachher-Bilder direkt nebeneinander zu vergleichen. Ein klares Ziel vor Augen machte das Training motivierender und trieb mich weiter an.

Im Juli erreichte ich mein Wunschgewicht. Ich war etwa sieben Kilo leichter und hatte eine Kleidergröße weniger. Doch ein kleines Monster war in mir erwacht. Plötzlich wollte ich noch mehr abnehmen und fixierte mich auf meinen Körperfettanteil und sichtbare Bauchmuskeln. Fast jeden Tag machte ich Fotos von mir. Ich stellte den Spiegel an verschiedene Stellen in der Wohnung und nutzte die sogenannte „Goldene Stunde“, um das Licht bestmöglich zu nutzen. Neue Sportkleidung kaufte ich, weil ich die Looks von Influencer:innen mochte und ihnen ähnlicher sein wollte. Meine Fotos teilte ich in meinen Instagram-Storys. Dabei freute ich mich über Nachrichten wie: „Wie hast du das geschafft?“ oder „Du siehst unglaublich aus!“

Ein kleines Monster war in mir erwacht. Plötzlich wollte ich noch mehr abnehmen und fixierte mich auf meinen Körperfettanteil und sichtbare Bauchmuskeln

Doch gegen Ende des Jahres 2020 merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich war völlig besessen von Kalorien – von dem, was ich zu mir nahm, und dem, was ich verbrannte. Wenn mein Gewicht stagnierte, suchte ich immer neue Wege, um noch mehr zu verlieren. Ich wurde schwierig im Umgang, langweilig und zunehmend auf mich selbst fixiert. Als am 1. Januar 2021 um Mitternacht die Uhr schlug, löschte ich MyFitnessPal, legte meinen Fitbit zur Seite und beschloss, mich auf ausgewogene Ernährung und Bewegung aus Freude zu konzentrieren. Nicht zuletzt, weil meine Periode ausgeblieben war und ich mir so sehr wünschte, in diesem Jahr schwanger zu werden.

Im Januar 2022 wurde ich schwanger – genau ein Jahr, nachdem ich meine Beziehung zu meinem Körper, meinem Gewicht, Essen und Bewegung neu bewertet hatte. Es war ein magisches Erlebnis, ein Baby in mir wachsen zu sehen und zu spüren, wie sich mein Bauch langsam rundete. Zum Glück kehrten meine alten Muster nicht zurück.

Rebeccas Sichtweise änderte sich, als sie Mutter wurde.

Im ersten Lebensjahr meiner Tochter habe ich sie gestillt. Wie viele Frauen wissen, kann das zu schnellem Gewichtsverlust führen. Plötzlich war ich schlanker als je zuvor – ohne mich besonders anzustrengen. Insgeheim freute ich mich darüber.

Doch als ich nach 14 Monaten mit dem Stillen aufhörte, endete dieser Effekt. Ich nahm wieder etwas zu. Motiviert, „wieder in Form zu kommen“, sah ich mir alte Fotos meiner Gewichtsabnahme an. Eines davon traf mich besonders. Ich stand in rosa Leggings vor dem Spiegel – auf meinem niedrigsten Gewicht vor der Schwangerschaft. Damals fand ich, ich sähe großartig aus. Doch statt mich zu motivieren, machte mich dieses Bild traurig. Egal, wie viele Schritte ich ging, wie viele Kurse ich besuchte oder wie wenig ich aß – diese zusätzlichen Kilos ließen sich nicht so leicht verlieren.

Heute sehe ich dieses Foto und empfinde eine leise Traurigkeit für die Frau darauf. Sie wusste nicht, dass es im Leben Wichtigeres gibt, als in ein Kleid in Größe 36 zu passen. Stattdessen inspiriert mich das Bild von meinem ersten Halbmarathon – ich sehe verschwitzt und erschöpft aus, aber auch glücklich und stolz. Es spielt keine Rolle, welche Kleidergröße meine Leggings damals hatten.

Heute sehe ich dieses Foto und empfinde eine leise Traurigkeit für die Frau darauf. Sie wusste nicht, dass es im Leben Wichtigeres gibt, als in ein Kleid in Größe 36 zu passen

Ich werde meinen Körper vor der Schwangerschaft nie wieder genauso zurückbekommen. Meine Hüften sind breiter, meine Brüste kleiner, und auch mein Stoffwechsel hat sich mit dem Alter verlangsamt. Das bedeutet aber nicht, dass ich meinen Körper nicht für das lieben kann, was er geleistet und geschaffen hat – ein wunderbares kleines Mädchen und eine beste Freundin fürs Leben. Das Wissen, dass ich beeinflussen kann, wie meine Tochter ihren Körper einmal sehen wird, bewahrt mich davor, je wieder in diese gefährliche Spirale der obsessiven Gewichtsdokumentation zu geraten.

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