Geschichten
Die Suche einer Fotografin nach der Wahrheit hinter Mallorcas Anti-Tourismus-Schlagzeilen
Mallorca als Beobachterin und Außenstehende dokumentiert – und was ein genauer Blick über die Debatte verrät
10. Juni 2026∙6 min


Geschichten
Mallorca als Beobachterin und Außenstehende dokumentiert – und was ein genauer Blick über die Debatte verrät
10. Juni 2026∙6 min


Ich reise gern. Weil ich im Laufe meines Lebens in verschiedenen Ländern, Bundesstaaten und Regionen gelebt habe, faszinieren mich die scheinbar unendlichen Lebensweisen auf dieser Welt bis heute. Im besten Fall reisen wir genau deshalb: aus Neugier, mit dem Wunsch zu lernen, mit guten Absichten zu entdecken – und wirklich mit Menschen vor Ort in Kontakt zu treten. Doch wie die Schlagzeilen immer wieder zeigen, schadet Massentourismus zunehmend genau den Gemeinschaften, Wirtschaftsräumen und Landschaften, die wir so gern von unseren stetig länger werdenden Reiselisten abhaken.
In meinem fortlaufenden Projekt ¿Mí Mallorca? untersuche ich das oft unsichtbare Nebeneinander von Tourist:innen und Einheimischen auf der Baleareninsel. Wie an vielen Orten der Welt bewegt sich das Zusammenleben hier im Spannungsfeld zwischen harmonischem Miteinander und zunehmenden Spannungen. Anfang 2025 zogen Zehntausende durch Palma de Mallorca und forderten eine Begrenzung des Tourismus – nachdem 2024 mit 15 Millionen Besucher:innen ein neuer Höchststand erreicht worden war. Diese ablehnende Haltung gegenüber dem Massentourismus spiegelt ähnliche Bewegungen in Barcelona und auf dem spanischen Festland wider, in denen Einheimische gegen die Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten, die kulturelle Identität und die Landschaft protestieren. Gleichzeitig treibt die steigende Nachfrage nach Airbnb-Unterkünften die Immobilienpreise in die Höhe, und die Touristensteuer macht manche Restaurants und Bars für viele Einheimische zunehmend unerschwinglich.
Pollença, Mallorca. Foto: Chanel Irvine

Playa de Cala Clara, Mallorca. Fotos: Chanel Irvine

Campanet, Mallorca

Lokale Spezialitäten bei den Osterfeierlichkeiten zu Sant Miquel

Einheimische in Campanet, Mallorca

Cap de Formentor, Mallorca

Markt in Sineu, Mallorca
Viele Mallorquiner:innen teilen diese Haltung – aus gutem Grund. Andere wiederum warnen davor, den Tourismus auf einer Insel zu begrenzen, die wirtschaftlich stark davon abhängt. José, ein charmanter Taxifahrer, der auf der Fahrt vom Flughafen Palma ins kleine Städtchen Campanet gern sein Englisch mit mir übt, erzählt mir von seiner Sicht auf die Dinge. Ohne den Tourismus, sagt er, wäre die wichtigste Einnahmequelle für einen großen Teil der Bevölkerung gefährdet. In einer idealen Welt, da sind wir uns einig, gäbe es weniger Besucher:innen, die Insel würde ihr sozioökonomisches Modell breiter aufstellen, und Menschen aus dem Ausland – ob als Gäste oder neue Bewohner:innen – würden sich stärker auf die lokale Sprache und Kultur einlassen.
Festes de Sant Miquel, Campanet, Mallorca. Foto: Chanel Irvine
Aussichtspunkt Sa Calobra, Mallorca. Foto: Chanel Irvine
Seit 2016 reise ich immer wieder nach Mallorca – mal häufiger, mal seltener. Allein 2025 war ich dreimal auf der Insel: zweimal privat, einmal beruflich. Während meines ersten Aufenthalts im April, als die Debatte über die sogenannte „Touristifizierung“ zunehmend an Fahrt aufnahm, entstand die Idee zu diesem Projekt. Mir wurde schnell bewusst, dass ich eine doppelte Rolle einnehme: als aufrichtig interessierte Beobachterin – nicht zuletzt durch meine Arbeit als sozialdokumentarische Fotografin – und als ausländische Besucherin, die zugleich, wenn auch in bescheidenem Maß, zu genau dem Problem beiträgt, das sie dokumentiert. Dieser Widerspruch war mir bewusst. Deshalb stellte ich mir die Aufgabe, einen Ort festzuhalten, der in zwei Richtungen gezogen wird, und dabei immer wieder darüber nachzudenken, was es bedeutet, zugleich Beobachterin und Außenstehende zu sein – und meine eigenen Beweggründe als Touristin zu hinterfragen, nicht nur auf Mallorca, sondern grundsätzlich.
Ich versuche, mich der Insel anzunähern, indem ich die Insel sowohl aus der Perspektive einer Touristin erkunde – bewusst und reflektiert – als auch aus der einer Dokumentarfotografin
Strand von Sa Calobra, Mallorca. Foto: Chanel Irvine
Graffiti in Palma, Mallorca. Foto: Chanel Irvine
Schon bei der Planung dieses Projekts haben sich viele Fragen aufgedrängt. Warum reisen wir? Wo liegen die Grenzen des Tourismus? Haben Tourist:innen das Recht, einen fremden Ort als zweites Zuhause zu betrachten? Was bedeutet kulturelle Integration eigentlich? Ist sie überhaupt jemals vollständig möglich? Und vor allem: Ist die Ablehnung des Tourismus auf der Insel tatsächlich so weit verbreitet, wie die Berichterstattung vermuten lässt?
Ich bilde mir nicht ein, auf diese Fragen eindeutige Antworten geben zu können. Trotzdem versuche ich, mich ihnen anzunähern: indem ich die Insel sowohl aus der Perspektive einer Touristin erkunde – bewusst und reflektiert – als auch aus der einer Dokumentarfotografin, die die Traditionen und Bräuche verstehen und festhalten möchte, die viele Menschen vor Ort bewahren wollen. Natürlich habe ich unzählige makellose Strände besucht, die laut Medien zu den größten Attraktionen Mallorcas gehören. Dabei habe ich mich gefragt, was uns überhaupt in sonnigere und wärmere Regionen zieht. Ist es verwerflich, in einem türkisfarbenen Meer schwimmen zu wollen, wenn der Alltag von einer deutlich graueren und kälteren Küste Englands geprägt ist? Weil ich in Südafrika und Australien aufgewachsen bin, fühlt sich meine Sehnsucht nach Meer, Sand und Sonne eher instinktiv als ausbeuterisch an. Und trotzdem hat dieses Verlangen Folgen: Wir werden Teil jener Menschenmengen, über die sich viele Einheimische beklagen. Ein Widerspruch, der sich nicht so leicht auflösen lässt.
Cala Barques, Mallorca. Foto: Chanel Irvine
Während meiner Zeit auf der Insel fiel es mir immer wieder schwer, Tourist:innen und Einheimische auf einem Bild voneinander zu unterscheiden. Manchmal sind Besucher:innen leicht zu erkennen: mit Kameras in der Hand fotografieren sie Aussichtspunkte, die es auf jede Bestenliste schaffen, während die ruhigeren, oft authentischeren Details unbeachtet bleiben. Im Frühling und Sommer bevölkern Radfahrer:innen die Straßen, und auf den Dorfplätzen reihen sich die Fahrräder aneinander wie überfüllte Skiständer. Lange Schlangen an Bushaltestellen lassen erahnen, wie viele Menschen an Markttagen in die Orte strömen. Und trotzdem bleibt vieles ungewiss. Sind das wirklich nur Tourist:innen? Oder liegen zwischen ihnen auch Einheimische auf ihren Strandtüchern oder fahren an einem stürmischen Aprilmorgen mit dem Rad zum Cap de Formentor? Vielleicht ist das Zusammenleben für manche weniger konfliktgeladen als oft dargestellt wird. Abgesehen von vereinzelten Graffiti, die die Ablehnung des Tourismus unübersehbar machen, versuche ich noch immer herauszufinden, wie sich dieses Gefühl fotografisch festhalten lässt – und wie weit verbreitet es tatsächlich ist.
Der schönste Teil dieses Projekts war bisher das Eintauchen in lokale Traditionen und Feste. Bei jedem Besuch wohne ich in Campanet, einem kleinen Ort mit rund 2.600 Einwohner:innen am Fuß der Serra de Tramuntana. Weil der Massentourismus hier weitgehend vorbeigegangen ist, ist ein unverkennbar mallorquinischer Charakter erhalten geblieben. Besonders beeindruckt hat mich der starke Gemeinschaftssinn, der sich in den vielen Veranstaltungen widerspiegelt, die die Menschen zusammenbringen. Er macht verständlich, warum die Mallorquiner:innen ihre Kultur so schätzen: Sie ist außergewöhnlich vielfältig und lebendig.

Campanet, Mallorca. Fotos: Chanel Irvine

Bunyols auf dem Markt in Sineu, Mallorca

Cala Barques, Mallorca

Kinder engagieren sich bei der Pancaritat außerhalb von Campanet

Eine Einheimische erklärt mir den katalanischen Gruß

Pancaritat, Campanet, Mallorca
Binissalem Festa des Vermar, Mallorca. Foto: Chanel Irvine
Einheimische bereiten Bunyols in Alcúdia auf Mallorca zu. Foto: Chanel Irvine
Von den jährlichen Festes de Sant Victòria und Festes de Sant Miquel mit ihren Straßenfesten, Volkstänzen und gemeinsamen Abendessen bis zur traditionellen Osterwallfahrt Pancaritat zur nahe gelegenen Kirche Sant Miquel: Gemeinschaft ist hier fest im Alltag verankert. Ich habe die Zubereitung traditioneller mallorquinischer Buñuelos fotografiert – und dabei selbst mehr als nur ein paar davon gegessen – und das Fest des Vermar in Binissalem besucht, das historische Weinfest zur Feier der Weinlese. Diese Traditionen mitzuerleben, an ihnen teilzunehmen und sie fotografisch zu dokumentieren, war ein echtes Privileg. Dabei habe ich mich jederzeit willkommen gefühlt.
Besonders beeindruckt hat mich der starke Gemeinschaftssinn, der sich in den vielen Veranstaltungen widerspiegelt, die die Menschen zusammenbringen. Er macht verständlich, warum die Mallorquiner:innen ihre Kultur so schätzen: Sie ist außergewöhnlich vielfältig und lebendig
Haltestelle in Artà, Mallorca. Foto: Chanel Irvine
Solche Momente machen das vorherrschende Narrativ vom Anti-Tourismus für mich immer komplexer: Einheimische, die mich auf dem Heimweg vom Markt freundlich grüßen. Schulkinder, die voller Begeisterung selbst gebastelte Fotohalter verkaufen. Ein Taxifahrer, der mir verrät, wo es die beste Paella gibt und welche Wanderroute sich wirklich lohnt. Oder eine Frau, die mein unbeholfenes „buenos días“ freundlich mit dem mallorquinisch-katalanischen „bon dia“ korrigiert. Jede dieser Begegnungen hat mich nicht nur dazu ermutigt, zurückzukehren, sondern auch meine Sprachkenntnisse zu verbessern und die Insel und ihre Menschen besser zu verstehen.
Was auf Mallorca geschieht, ist nicht neu. Spannungen zwischen Einheimischen und Zugezogenen sind ein altes und weltweites Phänomen, das sich mal subtil, mal offen zeigt. Letztlich beschäftigt sich ¿Mí Mallorca? mit dem Wesen des Reisens – mit allem, was daran bereichernd ist, aber auch mit seinen Folgen. Gleichzeitig lädt das Projekt dazu ein, über die eigene Rolle nachzudenken, wenn wir in ein Flugzeug steigen und an einen schönen Ort reisen. Dieses Projekt ist noch lange nicht abgeschlossen, und ich hoffe, weiterhin nach Mallorca zurückzukehren, um die Kultur dieses außergewöhnlichen Ortes zu dokumentieren.
Erfahre mehr über Chanels Projekt „Mi Mallorca“. (auf Englisch).

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