Geschichten
Wie Fotografie eine Sprachbarriere überbrücken kann
Geteilte Momente und eine Kamera schaffen Nähe, die über Worte hinausgeht, findet Avalon Afriyie
23. Apr. 2026∙6 min


Geschichten
Geteilte Momente und eine Kamera schaffen Nähe, die über Worte hinausgeht, findet Avalon Afriyie
23. Apr. 2026∙6 min


Einer der Gründe, warum ich mich in meinen Partner verliebt habe, war die Art, wie er von seiner Familie erzählte – vor allem von seiner Mutter. Viele Menschen bewundern ihre Mütter. Doch in seinen Geschichten wurden ihre Wärme und innere Stärke so lebendig, dass ich das Gefühl hatte, sie längst zu kennen, noch bevor wir uns begegneten. Es gab nur ein Problem: Wir sprachen nicht dieselbe Sprache. Meine Muttersprache ist Englisch, ihre Französisch, und ich war noch nicht sicher genug, um mich fließend mit ihr zu unterhalten. Also suchte ich nach anderen Wegen, um Nähe entstehen zu lassen, während meine Sprachkenntnisse langsam wuchsen.
Mit jemandem wie Marie ins Gespräch zu kommen, fällt nicht schwer. Sie ist eine unabhängige Matriarchin mit vielen Facetten – lebhaft, entschlossen und vor allem warmherzig. Zurzeit renoviert sie ihr Haus und greift bei jeder Gelegenheit selbst zu Werkzeug und Farbe. Im Ruhestand ist sie nach Bourdeaux in der Drôme zurückgekehrt, einer kleinen Gemeinde im Südosten Frankreichs mit rund 700 Einwohnern. Hier hat sie als Kind ihre Sommer verbracht. Der Ort ist voller Erinnerungen an Familie, Freundschaften und Rituale – vom täglichen Gang zur Boulangerie bis zu sommerlichen Ausflügen abseits der bekannten Wege.
Bourdeaux, Drôme. Foto: Avalon Afriyie
Unser erstes Treffen war ungewöhnlich. Viele lernen die Eltern ihrer Partner bei einem kurzen Besuch kennen. Im Mai 2024 wurden wir jedoch für eine ganze Woche zu ihr nach Hause eingeladen. Geplant waren Wanderungen auf die Trois Becs und Ausflüge in die umliegenden Orte – ausgerechnet zu einer Zeit, in der ich einen Schub meiner chronischen Erkrankung hatte. Die Umstände waren alles andere als ideal. Doch sie begegnete meiner Verletzlichkeit mit großer Fürsorge: Sie brachte mir abends Essen ans Bett, lieh mir ihre Wanderausrüstung und ermutigte mich, ein Bad zu nehmen.
Schon bei diesem ersten Besuch fanden wir kreative Wege, um uns näherzukommen. Aus Lachen und Gesten wurden kleine Sprachübungen – sie übersetzte französische Wörter ins Englische und umgekehrt. Ich begann, französische Bücher laut vorzulesen. Wir kochten zusammen und zeigten uns Fotos unserer Familien. Die Familie Langlois liebt solche Erinnerungen besonders und gestaltet sogar einen monatlichen Familien-Newsletter – eine Art Chronik ihrer Reisen, Erfolge und Neuigkeiten.
Schon bei diesem ersten Besuch fanden wir kreative Wege, um uns näherzukommen. Aus Lachen und Gesten wurden kleine Sprachübungen
Mit der Zeit sind auch gemeinsame kulinarische Erinnerungen entstanden. In Frankreich hat Essen einen besonderen Stellenwert. Seit ich 2023 von London nach Paris gezogen bin, sehe ich es selbst als eine eigene Sprache – eine, die mir viel über die französische Kultur beigebracht hat. Rezepte mit kultureller Bedeutung zu teilen, gemeinsam zu kochen und zu essen, hat einen Dialog zwischen uns eröffnet. Wenn sie mir Schritt für Schritt zeigte, wie man Aquafaba-Mousse au Chocolat oder die regionale Spezialität Ravioles du Dauphiné zubereitet, war das genauso bedeutsam wie ein Gespräch. Überhaupt kann es viel bewirken, gemeinsam Neuland zu betreten. Wenn beide etwas ausprobieren, das sie noch nicht kennen, entsteht eine Balance, die Offenheit ermöglicht – ob im Sportkurs, in einer Ausstellung oder beim Zusammenbauen eines Möbelstücks.
Magasin Général, Nyons. Foto: Avalon Afriyie
Gemeinsame Erlebnisse sind für uns zu einem besonderen Band geworden. Und jedes Mal, wenn wir Zeit miteinander verbringen, möchte ich diese Momente in einem Fotoalbum festhalten. Ich habe Marie beim Kochen fotografiert, das wechselnde Licht in den Fenstern ihres neuen Hauses im Lauf der Jahreszeiten, ihre Rituale – die Fahrt nach Nyons für frische Oliven, den zweimal wöchentlich stattfindenden Markt, der sich bis vor ihre Haustür zieht, oder das lebendige Dorfbistro Magasin Général, das donnerstags und sonntags eine üppige Brioche mit Zimt serviert. Im Sommer finden dort auch Veranstaltungen im Freien statt, bei denen wir mit ihren Freundinnen, Freunden und Nachbarn zusammenkommen, Musik hören und gemeinsam essen.
Es kann viel bewirken, gemeinsam Neuland zu betreten. Wenn beide etwas ausprobieren, das sie noch nicht kennen, entsteht eine Balance, die Offenheit ermöglicht

Ziegenhof, Ferme de Pracoutel. Fotos: Avalon Afriyie

Bourdeaux, Drôme

Saou

Mirmande

Markt in Bourdeaux
Diese Aufnahmen bewahren Augenblicke, die sonst vielleicht verblassen würden. In den letzten Jahren haben wir die umliegenden Dörfer erkundet – von Saou über Dieulefit bis nach Mirmande. Die Region bietet unzählige Motive: ein Besuch auf dem nahegelegenen Ziegenhof, Auslagen mit dem berühmten Picodon-Käse der Region oder ein Winterabend am Grill unter Lichterketten. Bei meinen Besuchen halte ich auch stille Momente zwischen meinem Partner und seiner Mutter fest – wenn sie draußen zusammensitzen, so wie früher, als er noch ein Kind war.
Diese Bilder zu sammeln fühlt sich besonders an, während ich selbst einen neuen Lebensabschnitt beginne und neue Beziehungen wachsen. Deshalb reise ich immer mit meiner analogen und meiner digitalen Kamera. Erinnerungen tragen wir zwar in uns. Doch etwas Greifbares zu haben, zu dem wir zurückkehren können, vertieft ihre Bedeutung. Die Zeit mit Marie hat mir gezeigt, dass Liebe keine gemeinsame Sprache braucht – und dass geteilte Erlebnisse zu einer gemeinsamen Sprache werden können. Eine Form der Verständigung, die ich weiter pflegen möchte, auch wenn ich eines Tages fließend Französisch spreche.