Wir sprachen stundenlang über Indien, Bhilwara und alte Freunde. Als wir uns schließlich verabschiedeten, hatte ich plötzlich das Gefühl, diesen Mann finden zu wollen. Einen Mann, den ich eigentlich gar nicht kannte – jung, selbstbewusst, ohne Bart. In diesem Moment wusste ich: Ich würde nach Indien reisen. Nach Rajasthan. Nach Bhilwara. Um den Ort und die Menschen hinter den Geschichten zu finden.
Ehrlich gesagt erwartete ich nicht viel. Ich dachte, es würde reichen, Bhilwara zu erreichen, ein paar Fotos zu machen, ein paar Fragen zu stellen und meinen Eltern später zu zeigen, wie sehr sich alles verändert hatte. Ich hatte das Foto – und ein paar bruchstückhafte Informationen: den Namen einer Schule und die Namen einiger Menschen, die vielleicht noch lebten.
Nach drei Tagen Reise kam ich an. Bhilwara war längst keine verschlafene Wüstenstadt mehr, sondern eine weitläufige Industriestadt – heute bekannt als „Textilstadt Indiens“, mit Hunderten Webereien und Färbereien.Am ersten Morgen sprang ich in ein Tuk-Tuk und bat den Fahrer, mich zu der Schule zu bringen, an der mein Vater gearbeitet hatte. Sie war inzwischen umgezogen, doch der Fahrer fragte herum, telefonierte und fand schließlich den neuen Standort heraus.
Gegen Mittag erreichten wir die Shree Mahesh School. Gerade strömten neue Schüler durch das Tor. Nachdem ich meine Geschichte mehreren Mitarbeitern erklärt hatte, erschien schließlich der Schulleiter und lud mich ein, mit den Schülern zu Mittag zu essen. Es folgten weitere Gespräche, Telefonate und Tuk-Tuk-Fahrten – bis ich schließlich den ehemaligen Schulleiter aufspürte, der sich an zwei Brüder erinnerte, die meinen Vater gekannt haben könnten.