Geschichten

Das Foto, das mich verändert hat: Wiedersehen in Rajasthan

Inspiriert von einem alten Schwarz-Weiß-Foto bringt Peter John Watson seinen Vater vier Jahrzehnte nach ihrem Abschied mit Freunden in Indien zusammen

Peter John Watson

Peter John Watson

Schriftsteller und Blogger

12. Aug. 20255 min

A framed black and white photo showing people in Rajasthan sits on a marble mantelpiece
A framed black and white photo showing people in Rajasthan sits on a marble mantelpiece

Als Kind schrieb mein Vater meinen Namen manchmal auf kleine Zettel – auf Hindi. Ich war noch sehr jung und konnte kaum mehr als Comics und Bilderbücher lesen; die Devanagari-Schrift kam mir deshalb wie eine magische Sprache aus einer Fantasiewelt vor, irgendwo zwischen Narnia und Lilliput.

Als ich älter wurde, saß ich oft mit meinen Eltern vor dem Fernseher und hörte ihnen zu, wie sie begeistert über Michael Palins neueste Reisen durch die Ausläufer des Himalaya oder über die staubigen Straßen Rajasthans sprachen. „Wir müssen unbedingt zurück“, sagte mein Vater dann leidenschaftlich und wandte sich an meine Mutter. „Ich vermisse die Gerüche!“ „Und die Farben“, ergänzte sie. Und schließlich sagten sie beide im Chor: „Wir müssen wieder hin.“

Während meiner gesamten Kindheit hörte ich ihren Geschichten über ihre Reisen durch Indien aufmerksam zu. Mein Vater, der einen Zug aus Delhi hinterherjagte, während meine Mutter allein an Bord saß – sie war erst ein paar Stunden im Land und hatte ihn schon verloren. Meine Mutter, die auf dem Schwarzmarkt in Kabul mit Männern, die Kalaschnikows trugen, Rupien tauschte. Mein Vater, der mit Malaria in einem Hostel in Lahore im Bett lag. Diese Geschichten entfachten früh ein Feuer in mir – eine tief verwurzelte Reiselust.

Die Geschichten meiner Eltern entfachten früh ein Feuer in mir – eine tief verwurzelte Reiselust

Mein englischer Vater lebte von 1969 bis 1971 in Indien. Frisch von der Universität und unsicher, was er als Nächstes tun sollte, meldete er sich als Englischlehrer und machte sich kurzerhand auf den Weg nach Südasien. Man schickte ihn in die kleine Stadt Bhilwara in Rajasthan – damals kaum mehr als eine Ansammlung von Gebäuden in der Wüste, mit einem Bahnhof, einer Schule und einem Postamt. Autos gab es nur wenige, wenn überhaupt, und Strom war knapp und unzuverlässig. In seiner winzigen Wohnung kochte er auf einem einzigen Primuskocher sein Essen und seinen Chai.

Als einziger Nicht-Inder in der Stadt wurde mein Vater schnell zu einer Art lokaler Kuriosität – fast schon zu einer kleinen Berühmtheit. Doch die Sprachbarriere machte es schwierig, enge Freundschaften zu schließen. Während seines Aufenthalts freundete er sich jedoch mit zwei Brüdern an: Satynarain und Radheshyam Joshi. Sie nahmen sich des verloren wirkenden Engländers an und sorgten dafür, dass er sich willkommen fühlte. Ihre Namen tauchten später immer wieder in seinen Geschichten auf.

Ein Jahr später folgte ihm meine – ebenso freiheitsliebende – Mutter nach Abschluss ihres Studiums nach Indien. Ihre Reise umfasste drei Flüge, darunter einen Zwischenstopp in Dubai, das sie damals als „Fischerdorf in der Wüste“ beschrieb. Während mein Vater seinen Lehrvertrag erfüllte, unternahmen sie kurze Reisen durch Rajasthan – von Jaisalmer, der „Goldenen Stadt“, bis Jaipur, der „Pinken Stadt“ – und auch weiter nach Amritsar und Dharamshala.Als sein Vertrag endete, kehrten sie nach England zurück. Es war Anfang der 1970er Jahre, und so schlossen sie sich den sogenannten Overland-Reisenden auf der Seidenstraße an. Ihre Route führte sie durch Pakistan, Afghanistan, Iran und die Türkei, bevor sie Griechenland erreichten und anschließend per Anhalter quer durch Westeuropa reisten.

Während mein Vater seinen Lehrvertrag erfüllte, unternahmen sie kurze Reisen durch Rajasthan – von Jaisalmer, der „Goldenen Stadt“, bis Jaipur, der „Pinken Stadt“

A black and white photo showing Peter Watson’s father with a group of men and women posing in four rows in Rajasthan in 1970

Peters Vater im Jahr 1970 an der Shree Mahesh Schule

Schließlich kamen sie in Großbritannien an – ohne genug Geld in ihren Kaftantaschen, um den Bus zum Haus meiner Großeltern in Bexley zu nehmen. Also liefen sie die letzten Kilometer zu Fuß durch die kalten, nassen Straßen im Südosten Londons.

Im Jahr 2008 arbeitete ich gerade in meinem ersten richtigen Job in London und dachte darüber nach, eine große Reise zu unternehmen – meine erste. Ich hatte jedoch keine Ahnung, wohin. In einem Telefonat erwähnte ich das beiläufig meiner Mutter. Zu dieser Zeit trafen wir uns gelegentlich in einem Curryrestaurant in der Brick Lane. Beim nächsten Abendessen brachte mein Vater eine dünne Mappe mit ein paar Fotos aus ihrer Zeit in Indien mit. Viele davon kannte ich bereits – meine Eltern an verschiedenen Orten –, aber eines stach besonders hervor.

Es war ein Schwarz-Weiß-Foto meines Vaters mit seinen Kollegen aus der Schule. Eine typische Aufstellung: mehrere Reihen von Lehrern, die leitenden Angestellten in der Mitte – und rechts außen mein Vater. Glattrasiert, mit kurzärmligem Hemd und Sonnenbrille. Kein Bart. Keine Brille mit Sehstärke. Und keine Krawatte, obwohl er unterrichtete. Mit verschränkten Armen, leicht lässig dastehend und mit einem frechen Grinsen im Gesicht nahm er eine Pose ein, die ich so gar nicht kannte – voller jugendlicher Selbstsicherheit, unberührt von Alter oder Verantwortung.

Meine Mutter und ich machten uns gnadenlos über ihn lustig. „Dachtest du wirklich, du siehst cool aus?“ Natürlich konnte er sich nicht verteidigen. Er war damals jung – jünger als ich zu diesem Zeitpunkt – und auf diesem Foto strahlte er die unbeschwerte Zuversicht eines Menschen aus, den das Leben noch nicht geformt hatte.

Mein Vater zeigte mir einige Fotos aus seiner Zeit in Indien. Viele davon kannte ich schon – aber eines stach besonders hervor

Wir sprachen stundenlang über Indien, Bhilwara und alte Freunde. Als wir uns schließlich verabschiedeten, hatte ich plötzlich das Gefühl, diesen Mann finden zu wollen. Einen Mann, den ich eigentlich gar nicht kannte – jung, selbstbewusst, ohne Bart. In diesem Moment wusste ich: Ich würde nach Indien reisen. Nach Rajasthan. Nach Bhilwara. Um den Ort und die Menschen hinter den Geschichten zu finden.

Ehrlich gesagt erwartete ich nicht viel. Ich dachte, es würde reichen, Bhilwara zu erreichen, ein paar Fotos zu machen, ein paar Fragen zu stellen und meinen Eltern später zu zeigen, wie sehr sich alles verändert hatte. Ich hatte das Foto – und ein paar bruchstückhafte Informationen: den Namen einer Schule und die Namen einiger Menschen, die vielleicht noch lebten.

Nach drei Tagen Reise kam ich an. Bhilwara war längst keine verschlafene Wüstenstadt mehr, sondern eine weitläufige Industriestadt – heute bekannt als „Textilstadt Indiens“, mit Hunderten Webereien und Färbereien.Am ersten Morgen sprang ich in ein Tuk-Tuk und bat den Fahrer, mich zu der Schule zu bringen, an der mein Vater gearbeitet hatte. Sie war inzwischen umgezogen, doch der Fahrer fragte herum, telefonierte und fand schließlich den neuen Standort heraus.

Gegen Mittag erreichten wir die Shree Mahesh School. Gerade strömten neue Schüler durch das Tor. Nachdem ich meine Geschichte mehreren Mitarbeitern erklärt hatte, erschien schließlich der Schulleiter und lud mich ein, mit den Schülern zu Mittag zu essen. Es folgten weitere Gespräche, Telefonate und Tuk-Tuk-Fahrten – bis ich schließlich den ehemaligen Schulleiter aufspürte, der sich an zwei Brüder erinnerte, die meinen Vater gekannt haben könnten.

Ich hatte das Foto – und ein paar bruchstückhafte Informationen: den Namen einer Schule und die Namen einiger Menschen, die vielleicht noch lebten

Geoffrey standing with Radheshyam and Satynarain Joshi and family in their house in Bhilwara

Peters Vater Geoffrey kehrte 43 Jahre später in dasselbe Haus in Bhilwara zurück

A smiling Geoffrey standing in a living room with his arms round Radheshyam and Satynarain Joshi on either side of him

Ein herzliches Wiedersehen für Geoffrey, Radheshyam und Satynarain

Am Weihnachtsmorgen 2008 rief ich meinen Vater aus Bhilwara an – gegen sieben Uhr britischer Zeit. Ich begrüßte ihn kurz und gab dann das Telefon an meine Gastgeber weiter: Radheshyam und Satynarain Joshi. „Hallo Geoffrey“, sagten sie herzlich. „Es ist lange her, mein Freund.“ Tatsächlich – fast 38 Jahre.

Dieser Anruf ließ ihre Freundschaft wieder aufleben und ebnete den Weg für ein echtes Wiedersehen. Fünf Jahre später, fast auf den Tag genau, stand ich erneut vor der Tür desselben Hauses in Bhilwara – diesmal hinter meinem Vater, der als Erster die Schwelle überschritt.

Leider hat meine Mutter es nie geschafft, nach Indien zurückzukehren. Wir verloren sie, bevor sie die Chance dazu hatte. Es war eine schmerzhafte Zeit. Die Welt hatte viel zu früh einen wirklich besonderen Menschen verloren. Doch meine Reise hatte meinen Vater und mich einander nähergebracht. Sie gab uns die emotionale Stärke, gemeinsam durch die Trauer zu gehen. Wir sprachen endlos über sie – beim Morgenkaffee, dem abendlichem Whisky oder bei Curryabenden in der Brick Lane.

Heute verdiene ich meinen Lebensunterhalt als Reiseautor. Ich habe mehr als 100 Länder auf allen sieben Kontinenten besucht, einige der entlegensten Wanderwege der Welt erkundet – in Grönland, Pakistan oder Äthiopien. Ich habe hohe Berge bestiegen, an beiden Enden der Erde ein Bad im Polarmeer genommen, und nächstes Jahr werde ich zwei Monate lang auf einer kleinen Insel in der Antarktis Pinguine zählen.

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