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Architekten der Erinnerung: der Fotograf – Lou Bopp

Der Fotograf Lou Bopp blickt auf „All the Empty Rooms“ zurück, ein eindringliches Projekt über die unberührten Kinderzimmer derjenigen, die bei Amokläufen an Schulen ihr Leben verloren haben

Lucy Halfhead

20 Feb, 20267 min

Architekten der Erinnerung: der Fotograf – Lou Bopp
Architekten der Erinnerung: der Fotograf – Lou Bopp

Für diese Ausgabe von Architekten der Erinnerung haben wir uns mit dem Fotografen Lou Bopp getroffen, um darüber zu sprechen, wie sein lebenslanges Bekenntnis zur Authentizität seine Arbeit geprägt hat – von den Anfängen im Fotojournalismus über groß angelegte Werbekampagnen bis hin zu All the Empty Rooms. Das Projekt, inzwischen als Netflix-Dokumentation zu sehen, zeigt die unberührten Kinderzimmer derjenigen, die bei Amokläufen an Schulen ihr Leben verloren haben, und wurde kürzlich mit dem Oscar für den besten Dokumentar-Kurzfilm ausgezeichnet. Lou spricht offen darüber, wie er das Vertrauen der Familien gewonnen hat, wie man Abwesenheit fotografiert – und welche Rolle Fotografie dabei spielt, Erinnerung, Emotion und Bedeutung über die Zeit hinweg zu bewahren.

Wie bist du zur Fotografie gekommen? Wer oder was hat dich am Anfang geprägt?

Zwei prägende Erlebnisse haben mich auf den Weg zur Fotografie gebracht. Das erste war ein unternehmerisches Experiment: Ich mietete ein kleines Flugzeug samt Piloten, flog über St. Louis und fotografierte die Häuser der Menschen aus der Luft. Anschließend versuchte ich, die Abzüge an die jeweiligen Hausbesitzer zu verkaufen. Es war mein erster Vorgeschmack darauf, wie sich Fotografie mit Storytelling und Unternehmergeist verbinden lässt.

Der zweite Moment war weit bedeutsamer. Zufällig war ich in der Nähe von Berlin, als die Mauer fiel, und fuhr sofort dorthin, um das Geschehen aus nächster Nähe mitzuerleben. Dabei entstand ein Foto, das zu einer Art Ikone geworden ist: Ich stand rittlings auf der Mauer, ein Fuß in West-Berlin, der andere in Ost-Berlin, und fotografierte direkt entlang ihrer Mitte. Das Foto hielt den starken Kontrast fest zwischen den jubelnden Menschen im Westen und einem einzelnen DDR-Grenzsoldaten auf der anderen Seite. Ich verkaufte das Bild an die Associated Press – und von da an nahm meine Karriere richtig Fahrt auf.

Ein weiterer entscheidender Schritt war ein Praktikum bei Sports Illustrated, das mich schließlich nach New York brachte und meinen Weg als professioneller Fotograf festigte.

Zu meinen frühen Einflüssen gehörten vor allem Fotografen von Magnum und Sports Illustrated, darunter Elliott Erwitt, Burt Glinn, Sebastião Salgado, James Nachtwey und Walter Iooss. Auch Porträtfotografen wie Richard Avedon, Albert Watson und Platon haben mich stark geprägt – neben vielen anderen.

Deine Karriere umfasst Lifestyle-, Porträt-, Industrie- und Werbefotografie – was bleibt für dich über all diese unterschiedlichen Arten von Shootings hinweg gleich?

Authentizität. Werbefotografie ist das, was ich mache – Menschen und Tiere vor Ort, unbeschwerte Momente, Lichtreflexe, Bewegung, positive Emotionen. Aber selbst im kommerziellen Kontext möchte ich, dass meine Bilder glaubwürdig wirken und Gefühle auslösen. Ich versuche immer, den Höhepunkt eines Moments einzufangen. Vielleicht ist es nicht Michael Jordan beim Dunk. Aber selbst, wenn man zwei Menschen in einen Raum setzt, die sich unterhalten, gibt es diesen einen intensiven Augenblick. Und genau nach dem suche ich immer.

Du hast schon öfter betont, wie wichtig Authentizität für deine Arbeit ist. Was bedeutet für dich ein „ehrliches“ Foto?

Für mich ist Authentizität entscheidend. Ich fotografiere viele große Werbekampagnen mit großen Teams und aufwendigen Produktionen. Selbst in solchen Situationen versuche ich, echte Momente entstehen zu lassen – zum Beispiel zwischen einem Hund und seinem Besitzer oder einem Model. Ich möchte nicht, dass Models posieren. Ich möchte, dass sie sie selbst sind. Meine Bilder sollen sich nicht gestellt oder erzwungen anfühlen, auch wenn manche Situationen natürlich inszeniert sind. Es ist ein schmaler Grat. Manchmal braucht es Hunderte von Aufnahmen, um dorthin zu kommen. Aber ich bin überzeugt, dass genau das den Unterschied macht.

Lou Bopp (Mitte) mit dem Journalisten Steve Hartman (links) und dem Regisseur Josh Seftel (rechts)

Wie bist du zu dem Projekt gekommen, das später zu All the Empty Rooms wurde?

Mein guter Freund Steve Hartman rief mich eines Tages an, um mir von einer Idee zu erzählen, an der er arbeitete, und wollte meine Meinung dazu hören. Ich vertraue Steve sehr, und ich hatte sofort das Gefühl, dass es ein starkes Konzept war. Gleichzeitig wurde mir auch direkt bewusst, welche Tragweite das Vorhaben hatte. Trotzdem stand es nie zur Debatte, Nein zu sagen – erst recht nicht bei ihm.

Als die Familien dich in ihre Häuser einluden, wie bist du damit umgegangen, Räume zu fotografieren, die so eng mit der Erinnerung an ihr Kind verbunden sind?

Mit größtem Respekt. Vertrauen ist entscheidend. Ich habe im Vorfeld mit den Eltern gesprochen. Beim Betreten des Hauses zog ich die Schuhe aus – falls ich sie nicht schon an der Tür ausgezogen hatte. Ich habe nichts berührt. Ich habe weder mit künstlichem Licht noch mit einem Stativ gearbeitet und nur ein Kameragehäuse mit einem Objektiv verwendet. Ich machte die Bilder, die zu mir sprachen – Aufnahmen, von denen ich das Gefühl hatte, dass sie die Persönlichkeit ihres Kindes einfangen.

Charlotte Helen Bacon, 6. Foto: Lou Bopp

Charlotte Helen Bacon, 6. Foto: Lou Bopp

Charlotte Helen Bacon, 6. Foto: Lou Bopp

Charlotte Helen Bacon, 6. Foto: Lou Bopp

Charlotte Helen Bacon, 6. Foto: Lou Bopp

Kannst du uns in deinen Prozess mitnehmen? Wie wählst du den Bildausschnitt in diesen Kinderzimmern? Woran orientiert sich dein Blick, wenn Geschichte und Person nur durch Abwesenheit erzählt werden?

Als ich das Kinderzimmer betrat, blieb ich glaube ich erst einmal eine Weile stehen, um alles auf mich wirken zu lassen. Und zu atmen. Und zu fühlen. Meine Augen und meine Gefühle haben mich geleitet. Ich suchte nach Hinweisen, die etwas darüber erzählen konnten, wer dieses Kind war, was es mochte, wie es lebte. Kinderzimmer sind unglaublich persönlich. Sie sind Schutzräume und ein sehr direkter Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. In diesen Räumen wird sie spürbar. Ob es die Farbwelt war, Haargummis an einem Türknauf, ein Korb mit schmutziger Wäsche oder Dinge, die ich unter dem Bett entdeckte – all das war Teil der Geschichte. Im Grunde genommen habe ich ein Porträt eines Kindes gemacht, das nicht mehr da war.

Gracie Anne Muehlberger, 15. Foto: Lou Bopp

Gracie Anne Muehlberger, 15. Foto: Lou Bopp

Gracie Anne Muehlberger, 15. Foto: Lou Bopp

Welche technischen Entscheidungen hast du für dieses Projekt getroffen, und wie haben sie deine emotionalen Ziele unterstützt?

Von Anfang an habe ich mich bewusst dagegen entschieden, Beleuchtung oder Stative mitzunehmen. Aufgrund dieser Einschränkungen habe ich die Kamera freihand gehalten und mit einer relativ hohen ISO-Einstellung fotografiert, was zu Bildrauschen und einer körnigen Bildstruktur führte. Für mich hatte genau diese Textur eine emotionale Stimmigkeit. Ich habe auch nicht alle Horizonte exakt ausgerichtet. Mir gefiel dieser dokumentarische, fast „Cinéma-Vérité-Charakter“ – er machte die Bilder lebendiger und unmittelbarer. Und ich wusste, dass ich nichts im Raum verändern würde, selbst wenn das vielleicht ein „besseres“ Foto bedeutet hätte. Ich hatte mir selbst auferlegt, nichts zu berühren. Diese Zimmer sind heilige Orte, und die Familien waren so vertrauensvoll, mir Zugang zu gewähren. Ich bin der Arbeit mit größtmöglichem Respekt begegnet.

Viele Eltern haben das Kinderzimmer genauso gelassen, wie es war. Was haben dir diese Räume vermittelt?

Diese Zimmer sind in der Zeit eingefroren. Sie sind wie Zeitkapseln. Während draußen die Jahre vergehen, bleiben sie unverändert. Letztlich verarbeitet jeder Elternteil Trauer und Erinnerung auf seine eigene Weise – so wie wir alle.

Dominic Michael Blackwell, 14. Foto: Lou Bopp

Dominic Michael Blackwell, 14. Foto: Lou Bopp

Dominic Michael Blackwell, 14. Foto: Lou Bopp

Dominic Michael Blackwell, 14. Foto: Lou Bopp

Gab es bestimmte Gegenstände oder Details, durch die du verstehen konntest, wer dieses Kind jenseits der Tragödie war?

Ja, hundertprozentig. Jedes Zimmer bot unzählige Hinweise: eingerissene Eintrittskarten vom Abschlussball, Fotos einer Reise nach Washington, D.C., Kuscheltiere, schmutzige Kleidung, Wandfarben, Muscheln, Erinnerungsstücke von SpongeBob, Tagesdecken, der Inhalt eines Papierkorbs, Schulprojekte. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Carmen Marie Schentrup, 16. Foto: Lou Bopp

Carmen Marie Schentrup, 16. Foto: Lou Bopp

Carmen Marie Schentrup, 16. Foto: Lou Bopp

Carmen Marie Schentrup, 16. Foto: Lou Bopp

Gab es Momente während des Projekts, die dich noch lange nach dem Shooting begleitet haben?

Absolut. Vor allem war es dieses Gefühl von Verlust und Ohnmacht. Wenn ich ein Projekt annehme, dann mit allem, was ich habe – ganz präsent und auch emotional offen. Und ich glaube, genau das sieht man den Bildern an. Ich habe acht Zimmer über einen Zeitraum von acht Jahren fotografiert. Vor und nach jedem einzelnen fühlte es sich an, als würde es mir das Herz brechen. Und ehrlich gesagt tut es das noch immer – nur steht es nicht mehr ständig im Vordergrund. Dieses Gefühl der Ohnmacht richtet innerlich großen Schaden an.

Hat die Zeit mit diesen Familien verändert, wie du über Erinnerung denkst?

Ich glaube, meine Haltung ist im Grunde dieselbe wie vor acht Jahren – nur intensiver. Ich denke viel über Erinnerung und Zeit nach. Im Film wird dokumentiert, wie meine Tochter Rose und ich jeden Morgen unser „Morgenfoto“ machen. Dieses Projekt dreht sich um das Vergehen der Zeit und um Erinnerung – darum, jeden Tag festzuhalten und die Zeit anzuhalten.

Natürlich weiß ich, dass das unrealistisch ist. Aber ich habe damit begonnen, als wir erfuhren, dass ihre Mutter schwanger war, und ich führe es bis heute fort: ein Foto pro Tag. Ich glaube nicht, dass unser Gehirn Zeit wirklich im Tagesrhythmus verarbeitet. Man schaut auf – und plötzlich fragt man sich: Wo sind meine Dreißiger geblieben? Meine Vierziger?

Hat die Arbeit an All the Empty Rooms verändert, wie du deine Rolle als Fotograf siehst?

Noch nicht. Vielleicht wird sie das mit der Zeit. Um ehrlich zu sein, verarbeite ich das alles noch. Es gibt vieles, das ich erst noch für mich einordnen muss.

Jetzt, da die Dokumentation veröffentlicht ist – was hoffst du, nehmen Zuschauer:innen aus diesen Bildern und Geschichten mit?

Ich hoffe, dass der Film und die Fotografien zum Nachdenken anregen, Emotionen wecken, Hoffnung geben – und letztlich Veränderung bewirken. In einem Punkt sind sich die meisten von uns einig: Kinder verdienen es, in der Schule sicher zu sein.

Eine der kraftvollsten Entscheidungen der Filmemacher war der bewusste Verzicht auf das Wort „Waffe“ im Film. Das fand ich brillant. Der Film ergreift keine Partei, sondern schafft Raum für Reflexion und Empathie.

Am Ende glaube ich, dass echte Veränderung stattfinden würde, wenn alle Amerikaner:innen – oder zumindest unsere Gesetzgeber:innen – einmal in einem dieser Zimmer stehen könnten. Und wenn es nur eines bewirkt, dann hoffe ich, dass diese Bilder die Menschen diesem Erleben ein Stück näherbringen: dass sie die Schwere und die Folgen dieser Tragödien spürbar machen – und zu sinnvollem Handeln motivieren.

All the Empty Rooms ist auf Netflix zu sehen.

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