Reisen
Zehn Orte in Paris, die viele Besucher übersehen
Vom Techno-Club am Kanal bis zum buddhistischen Tempel im Parkhaus – Paris belohnt alle, die sich treiben lassen
29. Apr. 2026∙7 min


Reisen
Vom Techno-Club am Kanal bis zum buddhistischen Tempel im Parkhaus – Paris belohnt alle, die sich treiben lassen
29. Apr. 2026∙7 min


Rupert Clague ist Regisseur und Journalist in Paris. Seine Arbeiten erscheinen unter anderem in National Geographic und Condé Nast Traveler. Er kennt die weniger offensichtlichen Seiten der Stadt.
Es ist 7 Uhr morgens in der Rue du Faubourg Saint-Denis. Ein Mann öffnet Austern direkt auf dem Gehweg. Eine Frau streitet auf Bengalisch. Jemand versucht, einen Motorroller neben einer Kiste leuchtend orangefarbener Mangos zu parken. In den Hochglanzbroschüren sieht Paris anders aus. Und doch ist es hier überall genau so. Die Boulevards, die Brücken, die Bistros: Die Hauptstadt hat ihr eigenes Bild so lange gepflegt, dass sich das wirkliche Leben anderswo neu erfunden hat. Geh nur ein paar Straßen weiter – und du bist mittendrin.
Rue du Faubourg Saint-Denis. Foto: Rupert Clague
Passage Brady. Foto: Rupert Clague
Yebisu Poissonnerie. Foto: Rupert Clague
Bangladeschische Lebensmittelläden entladen Kisten mit frischem Obst und Gemüse. Im marokkanischen Restaurant wird Minztee in hohen Bögen eingeschenkt, dazu stapelweise buttrige Msemmen, ein traditionelles Fladenbrot. Die Rue du Faubourg Saint-Denis ist ein Mosaik aus Kulturen. In der Passage Brady, einer überdachten Passage, fühlt sich plötzlich alles mehr nach Mumbai als nach Montmartre an. Yebisu Poissonnerie verkauft frisch gefangenen Fisch, und Urfa Dürüm serviert luftige kurdische Sandwiches aus dem Holzofen. Das Lamm ist meine erste Wahl. Abends geht es zu Chop Chop Love, wo die Küchencrew regelmäßig wechselt. Danach gibt es einen scharfen Moscow Mule im Mauri 7.
Cavapapa. Foto: Rupert Clague
Chaplin St Lambert. Foto: Rupert Clague
Das bevölkerungsreichste Arrondissement von Paris gehört zu den am wenigsten besuchten – zumindest von denen, die nicht hier aufgewachsen sind. Das hält Weinbars und Bistros angenehm bezahlbar. Starte im unabhängigen Art déco-Kino Chaplin St Lambert mit Blick auf den Eiffelturm. Danach ein Glas bei Cavapapa in der Rue d’Alleray – Sommelier Laurent Tisserand weiß, was passt. Am Ende bleibst du länger, als du geplant hast. Le Café du Commerce bewirtet seit über 100 Jahren dieselben Familien in einem lichtdurchfluteten Haus über drei Etagen. Bestell das Entrecôte saignant und zum Schluss einen Baba au Rhum, ein in Rum getränkter Hefekuchen. Von dort ist es nur ein kurzer Spaziergang ins 14. Arrondissement zu Utopia, einem Mitgliederclub mit Live-Blues und Country, wie man ihn sonst eher in Nashville erwartet
Rue de Belleville. Foto: Rupert Clague
Le Scènobar. Foto: Rupert Clague
Vietnamesische Lebensmittelläden und nordafrikanische Cafés prägen die Rue de Belleville. Dazwischen gibt es überraschendes dänisch-kolumbianisch-thailändisches Streetfood bei Bang Bang. Im L’Orillon, einem kleinen Lokal mit rund 30 Plätzen, gibt es eine täglich wechselnde Karte. Das Ei mit Mayo ist ein Highlight. Oder du stellst dich bei Mian Guan an und schaust zu, wie Nudeln von Hand gezogen werden. Kissproof ist eine Bar, die sich wie das Wohnzimmer eines Freundes anfühlt, gleich um die Ecke vom Place Fréhel. Dort schmückt ein Wandbild des französischen Künstlers Ben Vautier die Fassade. Mittwochs gibt es im Le Scènobar Livemusik von aufstrebenden Künstler:innen.

Chez Babo. Foto: Rupert Clague


Am Westufer reihen sich Boutiquen, Cafés und Wochenendtrubel aneinander, doch die Ostseite bleibt weitgehend unbeachtet. In Les Dunes in der Rue du Faubourg du Temple gibt es algerische Grillspieße, so wie es sich gehört – Teller in der Hand. Auf der anderen Straßenseite findest du La Java, den ältesten Nachtclub Frankreichs. Hier stand Édith Piaf zum ersten Mal auf der Bühne. Verpass nicht Juicy Cave à Manger für Naturwein – und mit etwas Glück eine leise Einladung zu einem der geheimen Dinnerabende. Im L'Iconique gibt es Mezcal und Vinyl, bei Chez Babo etwas Süßes. Sommerabende enden am Ufer des Kanals, wo das Licht bis 22 Uhr bleibt und die Anwohner Rosé trinken
La Gare Le Gore. Foto: Rupert Clague
La Gare Le Gore. Foto: Rupert Clague
Ein umgebauter Bahnhof der Petite Ceinture aus dem 19. Jahrhundert, nördlich des Kanals. Backsteinwände, Teppiche zur besseren Akustik an die Wände genagelt – und eine Türpolitik, die im Grunde nur sagt: „komm rein“. Am frühen Abend gibt es Jazz, gespielt von großartigen Musiker:innen und gehört von einem Publikum, das wirklich zuhört. Nach Mitternacht öffnet der Keller und spielt Techno bis zum Sonnenaufgang. Wer es etwas zivilisierter mag, geht ins Le Hasard Ludique in der Avenue de Saint-Ouen – ebenfalls ein ehemaliger Bahnhof, heute Bar und Konzertort. Von Drag-Bingo bis Salsa und Cabaret ist alles dabei.
Au Chat Noir. Foto: Rupert Clague
Au Chat Noir. Foto: Rupert Clague
Im Keller des Au Chat Noir treten donnerstags und samstags Stand-up-Comedians auf Englisch auf. Das Pariser Publikum schwankt zwischen Begeisterung und Ratlosigkeit – manchmal gleichzeitig. Oben wird Schach gespielt, die Bar ist voll. Unter der Woche ist es eine Nachbarschaftsbar, die um 10 Uhr öffnet, um 2 Uhr schließt und sich jedes Mal anders anfühlt. Zwanzig Minuten entfernt, in der Rue Blanche, vereint Scandle Bar, Restaurant, Galerie und Radiostudio – und zeigt, dass das alles problemlos zusammengeht.
Aux Comptoirs du Chineur. Foto: Rupert Clague
Keramikmosaike von Ememem. Foto: Rupert Clague
Viele gehen durch das 4. Arrondissement nur auf dem Weg woandershin. Doch die Rue Saint-Paul belohnt alle, die stehen bleiben. Aux Comptoirs du Chineur verkauft Schallplatten, Kassetten, Kameras und alles dazwischen. Vorbei an Vintage-Läden, Antiquitätenhändlern und Galerien lohnt sich auch der Blick nach unten – der Street-Artist Ememem hat das Pflaster mit Keramikmosaiken geflickt. In der Rue du Roi de Sicile serviert Clark den vielleicht besten Hotdog von Paris, während Stolly’s für sein erfrischend günstiges, helles Bier bekannt ist.
Église Saint-Germain-des-Prés. Foto: Rupert Clague
The Abbey Bookshop. Foto: Rupert Clague
Shakespeare and Company ist charmant. Doch ein paar Schritte weiter liegt The Abbey Bookshop – bis unter die Decke gefüllt mit gebrauchten Büchern, dazu gibt es kostenlosen Kaffee. Notre-Dame ist beeindruckend. Aber hast du schon die tiefblaue, mit Sternen bemalte Decke der Kirche Saint-Germain-des-Prés gesehen? Hier ist auch der Philosoph Descartes begraben. In der Rue de l’Odéon versprüht Le 10 Bar mit gedämpftem Licht, viel Holz und einer altmodischen Weinkarte beinahe Dorfatmosphäre. Der Jazzclub Caveau de la Huchette ist ein großartiger Abend, doch zu Chez Papa in der Rue Saint-Benoît zieht es einen immer wieder zurück – jede Wand ist mit den Kritzeleien früherer Gäste bedeckt.
Chinatown. Foto: Rupert Clague

Albian-Brunnen auf der Place Paul Verlaine. Foto: Rupert Clague

Rue de la Butte-aux-Cailles. Foto: Rupert Clague

Chinatown. Foto: Rupert Clague

Chinatown. Foto: Rupert Clague
Beginne in Butte-aux-Cailles – Kopfsteinpflaster und Bars, die es hier seit Jahrzehnten gibt und die sich so anfühlen, als lägen sie weit außerhalb des Zentrums. Kühl dich im Piscine de la Butte-aux-Cailles ab, einem beheizten Freibad aus dem Jahr 1924, das vor allem Einheimische kennen. Gleich daneben spendet der Albian-Brunnen auf der Place Paul Verlaine Wasser aus über 600 Metern Tiefe – eine Information, die das Trinken erstaunlich aufwertet. Weiter östlich liegen Les Frigos, ein ehemaliges Kühlhaus für die Metzger von Les Halles, heute Ateliers von Künstler:innen, die gelegentlich ihre Türen öffnen. Fünf Minuten weiter beginnt Chinatown: gebratene Enten hängen in den Schaufenstern, Chongqing-Hotpots blubbern und in einem Parkhaus in der Rue du Disque 35 verbirgt sich ein buddhistischer Tempel. Geh zu Joayo13 für koreanisches BBQ – und bleib fürs Karaoke.
Bois de Vincennes. Foto: Rupert Clague
Lac Daumesnil. Foto: Rupert Clague
Lac Daumesnil. Foto: Rupert Clague
Auf den Stadtplänen endet Paris irgendwo rund um Nation – dahinter beginnt das Unbekannte. Wer weiter nach Osten geht, findet 995 Hektar üppigen Wald. Sonntags lohnt sich der Markt am Cours de Vincennes, der sich entlang des Boulevards erstreckt. Man spürt die unaufgeregte Energie eines Viertels, das gar nicht weiß, dass du zu Besuch bist. Miet dir ein Ruderboot auf dem Lac Daumesnil, stoß dich vom Ufer ab, gleite in die Mitte – und vergiss für einen Moment, dass du dich in einer Stadt mit zwei Millionen Einwohnern befindest.

Jason Kaye
Popsa-Autor
30. Juni 2025∙9 min

Ben Olsen
Schriftsteller Popsa
14. Aug. 2025∙5 min