Lifestyle

Ist echte Fotografie im Zeitalter der KI wichtiger denn je?

Deepfakes, Vorurteile und eine Büchse der Pandora voller Falschinformationen – die Flut KI-generierter Bilder zwingt uns dazu, alles zu hinterfragen, was wir sehen

Smiling woman with long brown hair wearing a white top and necklace, set against a pink background.

Rebecca Cope

Journalistin

29. Juli 20267 min

Ist echte Fotografie im Zeitalter der KI wichtiger denn je?
Ist echte Fotografie im Zeitalter der KI wichtiger denn je?

„Ist das echt oder KI?“ Diese Frage stelle ich mir inzwischen oft in meiner Arbeit als Journalistin – besonders bei Bildern. Ich bin schon unzählige Male darauf hereingefallen und wollte schnell eine Geschichte über das Hochzeitskleid von Zendaya (oder Dua Lipa oder Taylor Swift) vorschlagen, nur um dann festzustellen, dass das Bild gar nicht echt war. Allein in den vergangenen Jahren gingen zahllose KI-generierte Bilder viral und führten Menschen in die Irre. Darunter waren etwa Prinz William und Prinz Harry, die sich bei der Krönung von König Charles emotional versöhnten, Donald Trumps Polizeifoto, Papst Franziskus in einer Daunenjacke und Harry Styles in kurzen Shorts bei den Grammys.

Solche Bilder verbreiten sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer. Gleichzeitig entstehen dort immer wieder neue Trends rund um KI-generierte Bilder. Da waren die Barbie-Puppen-Sets (oder Actionfiguren, je nachdem, wofür man sich entschieden hat), Karikaturen, der Trend „Ich und mein jüngeres Ich“ und sogar das ziemlich bizarre Phänomen, sich selbst inmitten Hunderter Dackel zu zeigen. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass Menschen in den sozialen Medien ihr eigenes Bild manipulieren, um Likes und vielleicht auch ein paar Lacher zu bekommen. Schließlich war es dank ChatGPT noch nie so einfach, herauszufinden, wie der eigene Hund als Mensch aussehen würde, oder ein „Gesucht“-Plakat für das schlecht gelaunte Kleinkind zu erstellen, das zu Hause das ganze Haus tyrannisiert. Und das, obwohl die Folgen eines verschwenderischen KI-Einsatzes für die Umwelt gut dokumentiert sind.

Harry Styles im Musikvideo zu „Dance No More“. Foto: @harrystyles

Dua Lipa und Callum Turner an ihrem Hochzeitstag. Foto: @dualipa

Auch in visuellen Branchen, etwa in Werbekampagnen, Modestrecken und im Social-Media-Marketing, kommt KI immer häufiger zum Einsatz. In einigen Fällen stieß das allerdings auf heftige Kritik. Für seine erste Gucci-Werbekampagne ließ Kreativdirektor Demna vor seiner ersten Laufstegshow in Mailand eine Reihe künstlich erzeugter Bilder erstellen. Der Mode- und Lifestyle-Verlag SheerLuxe erschuf und „engagierte“ KI-Influencer:innen, allen voran ReemBot – ein Schritt, der vielfach kritisiert wurde. Manche bezeichnen solche Aktionen als „Hate Bait“, andere finden, dass diese Marken schlicht mit der Zeit gehen.

KI-generierte Werbekampagne von Gucci. Foto: Gucci

Manche bezeichnen den Einsatz von KI in visuellen Branchen als „Hate Bait“, andere finden, dass diese Marken einfach mit der Zeit gehen

Durch die Verbreitung KI-generierter Bilder sind wir als Gesellschaft in einer merkwürdigen Lage angekommen: Wir können einem Bild nicht mehr ohne Weiteres vertrauen. Zwar gab es auch früher schon Misstrauen gegenüber Fotografien – vom Schwindel um die Cottingley Fairies im Jahr 1917 bis ins Jahr 2024, als die Prinzessin von Wales wegen der missglückten Bearbeitung ihres Muttertagsfotos kritisiert wurde und die britische Nachrichtenagentur Press Association das Bild daraufhin zurückzog. Doch womöglich waren wir Bildern gegenüber noch nie so misstrauisch wie heute.

Professorin Alice Hart, Dozentin und Auftraggeberin für Fotografie, Video, Animation und Illustration, sieht das ähnlich. „Ich glaube, das Misstrauen und die Zweifel an der Fotografie haben zum Teil schon vor der KI begonnen“, sagt sie. „Die digitale Fotografie und der digitale Film hatten unser Verhältnis zu Bildern bereits verändert. Fotografien wurden schon immer manipuliert – auch früher wurden Bilder bearbeitet oder übermalt. Doch Programme wie Photoshop haben das deutlich schneller und einfacher gemacht. Die Verbindung zwischen dem, was tatsächlich vor der Kamera zu sehen war, und dem fertigen Bild war also schon vorher nicht mehr so eindeutig. KI rückt dieses Thema jetzt noch viel stärker in den Vordergrund.“

Die KI-Moderatorin ReemBot von SheerLuxe bei der Met Gala. Foto: @reembot_

Eine der größten Gefahren KI-generierter Bilder besteht darin, dass sie die Verbreitung von Falschinformationen erleichtern und eine Welt schaffen können, in der wir nie ganz sicher sein können, ob das, was wir sehen, stimmt. „Die Technologie macht es heute so einfach, Deepfakes und Falschinformationen zu erstellen, dass selbst Menschen ohne Erfahrung in Bildmanipulation oder Retusche dazu in der Lage sind – und damit wurde eine Büchse der Pandora geöffnet“, sagt Fotograf Nick Dunmur, der als Berater für geschäftliche und rechtliche Fragen bei der Association of Photographers tätig ist. „Wir müssen heute alles hinterfragen, was wir sehen, lesen oder hören, wenn wir herausfinden wollen, was noch als Wahrheit oder Beweis gelten kann. Nicht alle werden sich die Zeit nehmen oder die Mühe machen, das zu überprüfen. Dadurch sind wir als Gesellschaft stärker denn je der Gefahr von Manipulation und Kontrolle ausgesetzt.“

Wir müssen heute alles hinterfragen, was wir sehen, lesen oder hören, wenn wir herausfinden wollen, was noch als Wahrheit oder Beweis gelten kann

KI-generierte Bilder englischer Nationalspieler als The Beatles. Fotos: @seuzorza

Die zunehmende Verbreitung KI-generierter Bilder schafft nicht nur eine Kultur des Misstrauens, sondern auch den ständigen Verdacht auf Falschinformationen. Sie hat auch andere, beunruhigendere Schattenseiten. „Vorurteile sind bei KI-generierten Bildern ein großes Problem“, sagt Professorin Hart. „Dazu gehören rassistische und geschlechtsspezifische Vorurteile, aber auch weniger offensichtliche Formen, an die wir vielleicht nicht sofort denken – etwa eine westlich geprägte oder englischsprachige Sichtweise. Viele dieser Systeme werden mit Daten aus dem Internet trainiert, und das Internet bildet die Welt nicht neutral ab. Das Material, das online am leichtesten verfügbar ist, beeinflusst zwangsläufig, was diese Systeme erzeugen.“

Echte Fotografie wurde traditionell auch deshalb geschätzt, weil sie einen ganz bestimmten Moment dokumentiert und damit Zeitgeschichte bezeugt. Darin liegt die Bedeutung der Kriegsfotografie: Sie hält die Realität von Gräueltaten fest und kann dazu beitragen, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Gleichzeitig ist Fotografie eine Kunstform, hinter der ein Mensch steht. Auch darin liegt ihr Wert – nicht nur wegen des technischen Könnens, sondern auch wegen der menschlichen Verbindung, die dabei entsteht.

KI-generiertes Bild von Zendayas und Tom Hollands Hochzeit. Foto: @aplasticplant

„Im Grunde lernen Fotograf:innen, eine visuelle Sprache zu nutzen“, sagt Dunmur. „Dazu gehören ein Verständnis von Semiotik, davon, wie Licht funktioniert, und davon, wie Menschen auf die Darstellung beider reagieren.“ Der eigentliche Wert der Fotografie liegt in dieser Verbindung von Mensch zu Mensch: zwischen Fotograf:in und Publikum und häufig auch zu der Person oder dem Lebewesen vor der Kamera. Generative KI ist in ihrer einfachsten Form dagegen ein ziemlich grobes Werkzeug: eine auf statistischen Mustern basierende Vorhersagetechnologie, die vollständig auf Trainingsdaten angewiesen ist.“

Der eigentliche Wert der Fotografie liegt in dieser Verbindung von Mensch zu Mensch – generative KI ist dagegen ein ziemlich grobes Werkzeug

Angesichts der Flut des sogenannten „AI Slop“ – von falsch dargestellten Händen und Gliedmaßen und Spiegelungen, über Falschmeldungen als Clickbait bis hin zu sinnlosen Social-Media-Trends – scheint die Bedeutung echter Fotografie heute größer denn je. Doch wo wird die Fotografie in zehn oder 20 Jahren stehen?

Professorin Hart ist überzeugt, dass für beides Platz sein wird. „Die Fotografie wird überleben, aber sie wird sich verändern“, sagt sie. „Auch KI wird bleiben, sich aber vermutlich stärker etablieren und weniger chaotisch werden. Vielleicht wächst das Interesse an Dingen wieder, die wir als selbstverständlich betrachtet haben, während wir ständig über Plattformen wie Instagram Bilder konsumieren – etwa daran, Fotografien tatsächlich entwickeln zu lassen, sie auszustellen und in einer Galerie zu erleben. Analoge Fotografie könnte zum Beispiel wieder ein gewisses Ansehen gewinnen.“

Auch Dunmur blickt optimistisch auf die Zukunft der echten Fotografie. „Fotografie ist bereits zu etwas ‚Wegwerfbarem‘ geworden – auch durch soziale Medien und die damit einhergehende Abnahme unserer Aufmerksamkeitsspanne“, sagt er. „Aber hochwertige, von Menschen geschaffene Arbeiten haben einen Wert. Inmitten des ganzen KI-Einheitsbreis werden echte Fotografien deshalb umso kostbarer sein. Wer weiß, wo wir in zehn oder 20 Jahren stehen werden. Aber da die heutige Technologie in einer Sackgasse steckt, könnte die Gen-KI-Blase bis dahin endgültig geplatzt sein und wir einige wertvolle Lektionen gelernt haben. Man muss nur an ähnlich überbewertete Entwicklungen wie NFTs, das Metaverse oder Kryptowährungen denken, um ein bekanntes Muster zu erkennen – eines, das an ein Ponzi-Schema erinnert.“

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