Die Antworten entstehen nicht sofort, sondern entfalten sich mit der Zeit. Zwei so unterschiedliche Lebenswelten miteinander zu versöhnen, wird umso schwieriger, je größer ihre Gegensätze sind. Und ich habe nicht einfach eine Stadt gegen eine andere eingetauscht, sondern eine Hauptstadt gegen eine Welt im Kleinen, die langsam verblasst. Minori ist ein Ort, an dem Madonnenfiguren in Felsvorsprünge gemeißelt sind. Wo sich die Einheimischen jeden Morgen an Patrizias Kiosk auf der Lungomare versammeln, um bei einem Espresso Neuigkeiten auszutauschen. Wo tätowierte junge Männer beim Vorübergehen an der Kirche still ein Kreuz schlagen. Und wo jedes Geschäft mittags für vier Stunden die Rollläden herunterlässt. Der gesamte Ort würde mühelos in Heathrow Terminal 5 passen – und hätte immer noch Platz. Und doch gibt es in diesem farbenreichen Geflecht so viel zu beobachten: ein Fahrrad, das an einer bröckelnden Wand lehnt; ein Mann, der sich über seinen noch laufenden Motorroller beugt, um die neuesten Todesanzeigen an der Hauptstraße anzubringen; Frauen vor dem Friseursalon, rauchend, den Kopf voller Alufolien; rosafarbene Putzstreifen, die sich wie Bänder die Fassade meines Wohnhauses hinabziehen. Die Minoresi gehen an all dem vorbei, ohne einen zweiten Blick darauf zu werfen. Ich hingegen habe das Privileg, alles mit den Augen einer Außenstehenden zu sehen. Die alltäglichen Momente durch mein Objektiv festzuhalten – in Italien wie im Vereinigten Königreich – war der erste Schritt, um langsam eine Brücke zwischen zwei Identitäten zu schlagen. Es ist mein Versuch, zugleich Abstand zu wahren und doch Teil des Ganzen zu werden.
Das Alltägliche auf diese Weise einzufangen, fühlt sich überraschend analog an. Es geht nicht darum, ein perfekt komponiertes Bild für soziale Medien zu schaffen, auch wenn ich dort Gemeinschaft finde. Es erinnert eher an den Reiz einer Einwegkamera, die das Leben so zeigte, wie es geschah – nicht wie es für Inhalte inszeniert wurde. Dieses ständige Produzieren von Content fühlt sich mir noch immer fremd an. Manchmal mache ich bewusst ein unperfektes Foto, um einen Moment festzuhalten. Manchmal liegt die Schönheit einfach im Bild selbst. Der Vorteil des Digitalen ist, dass ich ein Foto wiederholen kann – doch ich versuche, mich nicht in Details zu verlieren. Vielleicht richte ich eine Ecke gerade, aber Filter kommen für mich nicht infrage.