Fotografie

Triff die Expertin: die Porträtfotografin Rachel Louise Brown

Von ihrem ersten Wettbewerbssieg mit zwölf bis zu Aufträgen für die British Vogue: Die preisgekrönte Fotografin spricht über Vertrauen, Licht und darüber, warum Porträts am stärksten sind, wenn die Inszenierung in den Hintergrund tritt

Lucy Halfhead

10. Apr. 20266 min

Triff die Expertin: die Porträtfotografin Rachel Louise Brown
Triff die Expertin: die Porträtfotografin Rachel Louise Brown

Rachel Louise Brown arbeitet als Fotografin und Dozentin in London. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Porträt, Fine Art und konzeptueller Fotografie. Nach einer Künstlerresidenz an der School of Visual Arts in New York absolvierte sie ihren Master in Fotografie am Royal College of Art. Zuvor hatte sie ihr Bachelorstudium am London College of Communication abgeschlossen.

Neben ihrer eigenen fotografischen Praxis hatte Rachel auch leitende Positionen in der Branche inne, unter anderem als Fotodirektorin bei Harper’s Bazaar UK und Town & Country. Sie arbeitete mit führenden Publikationen wie der British Vogue. Zweimal wurde sie mit dem Portrait of Britain Award ausgezeichnet. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt und von namhaften Kultur- und Medieninstitutionen in Auftrag gegeben. Derzeit leitet sie den Masterstudiengang Commercial Photography am London College of Communication und begleitet dort die nächste Generation von Fotograf:innen.

Wie hat dein Weg in die Porträtfotografie begonnen?

Mit zwölf begann alles. Eigentlich wollte ich Journalistin werden und gewann einen Wettbewerb für ein Praktikum bei meiner Lokalzeitung in Huddersfield. Dort durfte ich dem Fotografen über die Schulter schauen und stand zum ersten Mal in der Dunkelkammer. Da wurde mir klar: Die Kamera ist mein Werkzeug. Fotografie war wie ein Tor, das mich aus meiner Heimatstadt hinaus in eine größere Welt führte. Ich belegte das Fach bis zum GCSE und zum BTEC, zog dann für mein Fotostudium nach London und machte später meinen Master. Während einer Künstlerresidenz in New York ging ich nachts mit einer Mittelformatkamera durch die Stadt. Mich zogen diese filmisch wirkenden Orte an. Ich sprach Fremde an und bat sie, Teil dieser Szenen zu werden. In diesen Momenten wurde mir klar, dass Porträt für mich mehr ist als Dokumentation – es ist eine Auseinandersetzung mit Psychologie, Verletzlichkeit und den Rollen, die wir einnehmen.

Jessie Buckley für Harper’s Bazaar. Foto: Rachel Louise Brown

Was hat dich daran gereizt, Menschen und ihre persönlichen Geschichten zu fotografieren?

Mich hat schon immer interessiert, was unter der Oberfläche liegt. Es gibt diesen besonderen Moment, in dem Menschen sich der Kamera bewusst werden – Haltung und Blick verändern sich. Mich fasziniert dieser kurze Augenblick, in dem jemand zwischen sich selbst und einer anderen Version von sich wechselt. Ich suche nicht nach einer festen „Wahrheit“, sondern nach der Psychologie im Austausch: Was zeigt jemand? Was behält er für sich? Und wie beeinflusst die Kamera die Geschichte, die jemand über sich erzählt?

Erin O’Connor für Harper’s Bazaar. Foto: Rachel Louise Brown

Eponine. Foto: Rachel Louise Brown

Aimee Lou Wood und Ncuti Gatwa für Harper’s Bazaar. Foto: Rachel Louise Brown

Welche Künstler:innen, Fotograf:innen, Filmemacher:innen oder kulturellen Einflüsse haben deinen Ansatz geprägt?

Mich interessieren Künstler:innen, die Identität und Inszenierung hinterfragen. Cindy Sherman und Gillian Wearing waren früh prägend für mich – sie haben mir die Augen dafür geöffnet, wie konstruiert und vielschichtig Identität sein kann. Diane Arbus begleitet mich bis heute mit ihrer psychologischen Intensität. Und Claude Cahuns Selbstporträts wirken in ihrer Fluidität erstaunlich zeitgenössisch. Ich denke oft an Edward Hopper. Seine Gemälde tragen eine stille emotionale Spannung in sich, die meinen Blick auf Raum und Atmosphäre beeinflusst. Im Film haben mich der unheimliche Ton von David Lynch und die Intimität und Farbgebung von Wong Kar Wai geprägt.

Nicola Coughlan für BAFTA. Foto: Rachel Louise Brown

Wie schaffst du während eines Shootings Vertrauen und eine entspannte Atmosphäre?

Ich versuche, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen und nichts zu überstürzen. Am Anfang steht ein Gespräch, nicht die Kamera. Vertrauen entsteht durch Aufmerksamkeit: zuhören, Körpersprache lesen, Stille zulassen. Viele der Menschen, die ich fotografiere, erleben Fotografie als etwas rein Zweckmäßiges, fast Geschäftliches. Deshalb nehme ich bewusst Tempo heraus. Manchmal gebe ich ihnen selbst eine Kamera und lasse sie ausprobieren. Das verändert die Dynamik und macht den Prozess gemeinsamer. Wenn sich jemand respektiert und nicht gedrängt fühlt, verändert sich etwas. Die Inszenierung tritt zurück, und das Bild lebt mehr von Präsenz.

Thomasin McKenzie für Esquire. Foto: Rachel Louise Brown

Wie beeinflussen Licht, Komposition und Umgebung die Stimmung deiner Porträts?

Licht ist emotional. Weiches Tageslicht kann Nähe schaffen, gerichtetes Licht hingegen Spannung erzeugen. Die Umgebung bietet einen psychologischen Rahmen und prägt, wie eine Person im Raum erscheint.

Nazanin Zaghari-Ratcliffe für Harper’s Bazaar. Foto: Rachel Louise Brown

Welche praktischen Tipps würdest du Einsteiger:innen geben?

Werde langsamer. Es ist verlockend, sich auf Technik oder Einstellungen zu konzentrieren oder sich selbst zu beweisen, was man kann. Aber Porträt bedeutet Aufmerksamkeit. Nimm dir Zeit für ein Gespräch, bevor du fotografierst. Überinszeniere nicht. Gib Orientierung, aber lass Raum für Unerwartetes. Achte auf kleine Details – Hände, Schultern, Haltung. Vertraue auf Einfachheit. Gutes Licht und echte Präsenz wiegen mehr als jede Komplexität.

Ethio Salem Troupe im Giffords Circus. Foto: Rachel Louise Brown

Wie wünschst du dir, dass sich das visuelle Erzählen in der Porträtfotografie in den nächsten zehn Jahren entwickelt?

Ich hoffe, dass Porträt wieder stärker in die Tiefe geht statt an der Oberfläche zu bleiben. Wenn täglich unzählige Bilder im Umlauf sind, besteht die Gefahr, die Identität auf etwas leicht Konsumierbares zu reduzieren. Ich wünsche mir Arbeiten, die Ambivalenz und psychologische Nuancen zulassen – Bilder, die nachwirken, statt nur zu funktionieren. Analoge Verfahren und das Sichtbarmachen von Prozessen werden immer wichtiger. Und vor allem hoffe ich, dass Porträts physisch bleiben – gedruckt und nicht nur als digitale Schatten. Es lebe der Print!

Welchen Rat würdest du jemandem am Anfang seiner Karriere geben?

Mach Arbeit, die dich wirklich interessiert, statt Trends hinterherzulaufen. Oft entstehen die besten Ergebnisse genau dort, wo du am meisten Angst hast zu scheitern – und wenn nicht, dann mach weiter. Deine visuelle Stimme entwickelt sich durch anhaltende Neugier und Widerstandskraft.

Lauren Cuthbertson für Harper’s Bazaar. Foto: Rachel Louise Brown

Gibt es ein Porträt, das dir besonders viel bedeutet?

Das Shooting mit der Ballerina Lauren Cuthbertson war für mich besonders. Es war mein erster Auftrag nach der Geburt meines zweiten Kindes. Die Rückkehr zur Arbeit hatte eine eigene Intensität, und Laurens Großzügigkeit hinter der Bühne schuf ein seltenes Maß an Vertrauen. In diesem ruhigen Moment vor dem Auftritt konnte sich etwas Introspektives entfalten. Die Bilder erschienen später in Harper’s Bazaar und wurden für den BJP Portrait of Britain ausgewählt. Diese Anerkennung war bestärkend – aber was mir am meisten bleibt, ist der gegenseitige Respekt. Eine schöne Zusammenarbeit.

Gab es ein Porträt-Shooting, das dich überrascht hat?

Vor Kurzem fotografierte ich das Key Artwork für An Ark mit Ian McKellen, Goulda Rousheval, Rosie Sheehy und Arinze Kene. Ursprünglich war eine starke Inszenierung geplant. Kurz vor dem Termin entschieden wir, alles zu reduzieren und uns ganz auf Licht und Präsenz zu konzentrieren. Ohne die Set-Elemente wirkten die Porträts leiser und unmittelbarer. Es war eine Erinnerung daran, dass Weglassen manchmal mehr Tiefe schafft als Hinzufügen.

Häufig gestellte Fragen

Kann ich mit meinem Smartphone gute Porträts machen?

Ja. Die meisten starken Porträts hängen von Licht, Abstand und Timing ab. Wenn du auf diese drei Dinge achtest, reicht eine Smartphone-Kamera völlig aus.

Was ist der größte Fehler bei Porträts mit dem Smartphone?

Zu nah herangehen und sich auf den Porträtmodus verlassen. Geh einen Schritt zurück, nutze natürliches Licht und lass den Moment entstehen, statt eine Pose zu erzwingen.

Warum wirken manche Porträts natürlich und andere gestellt?

Menschen wirken unsicher, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen. Sprich mit ihnen, halte sie in Bewegung oder gib ihnen etwas Einfaches, worauf sie sich konzentrieren können – so wirken Porträts entspannter und authentischer.

Wie kann ich meine Porträts ohne Bearbeitungs-Apps verbessern?

Achte auf gutes Licht, halte den Hintergrund ruhig und konzentriere dich auf den Ausdruck. Wenn der Moment stimmt, sind Filter später zweitrangig.

Wo ist der beste Ort für Porträts mit natürlichem Licht?

In der Nähe eines Fensters oder einer Tür – oder draußen im offenen Schatten. Weiches, indirektes Licht ist für Gesichter meist schmeichelhafter als direktes Sonnenlicht.

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