Geschichten
Das Unbekannte an den meistfotografierten Orten der Welt finden
Warum die lohnendsten Bilder nie dort entstehen, wo alle hinschauen
29. Apr. 2026∙5 min


Geschichten
Warum die lohnendsten Bilder nie dort entstehen, wo alle hinschauen
29. Apr. 2026∙5 min


Joe Howard, ein Fotograf aus London, ist für seinen besonderen Umgang mit Licht und Farbe bekannt. Er hält alltägliche Momente und übersehene Szenen fest. Seine Arbeit konzentriert sich auf dokumentarische Projekte, Reisen und aufmerksam betrachtete Landschaften.
Was ich an der Fotografie am meisten mag: Sie bringt dich dazu, aufmerksam zu werden. Du hörst auf zu scrollen und schaust wirklich hin. Fotografie bedeutet genauso sehr, Bilder zu finden, wie sie aufzunehmen. Dein Blick ist entscheidend. Eine neue Perspektive auf einen Ort zu entdecken – genau diese Herausforderung suche ich.
Für mich bedeutet Fotografieren, ziellos umherzugehen und sich treiben zu lassen. Restaurants oder Strände zufällig zu entdecken. Ecken finden, die man verpasst hätte, wenn man alles nach dem Geplanten gemacht hätte, was man in den sozialen Medien gesehen hat. Darüber habe ich kürzlich mit anderen Fotograf:innen gesprochen. In dieser Kunstform folgen wir oft Trends, jagen „Spots“ hinterher oder stellen Bildausschnitte nach, die wir schon unzählige Male gesehen haben. Es wird fast zu einer Art Sammeln – statt eigene Bilder zu schaffen. Und ich glaube, das geht zulasten der Kreativität.
Auslöser dieser Diskussion war ein Austausch, den ich auf Instagram hatte. Ich hatte ein Foto vom Fuji geteilt, aufgenommen in einer ländlichen Gegend, aus einer Perspektive, die ich für ziemlich ungewöhnlich hielt. Ein Fotograf schrieb mir und bat um die Koordinaten, damit er dasselbe Bild machen kann. Ich habe abgelehnt – aus mehreren Gründen, vor allem aber, um ihn zu ermutigen, sein eigenes Motiv zu finden. Denn die Suche gehört dazu. Außerdem ist Instagram-Tourismus an Orten wie in Japan zu einem echten Problem geworden. Ich möchte niemanden über schmale Landstraßen an Wohnhäusern vorbei zu einem Fotospot schicken – besonders nicht, wenn wir bereits erlebt haben, dass Ausblicke auf den Fuji wegen Überfüllung verdeckt wurden.
Foto: Joe Howard
Foto: Joe Howard
Wir folgen oft Trends, jagen „Spots“ hinterher oder stellen Bildausschnitte nach, die wir schon unzählige Male gesehen haben – und ich glaube, das geht zulasten der Kreativität
Foto: Joe Howard
Heute braucht es nicht viel, damit ein Instagram-Trend Fahrt aufnimmt. Deshalb teile ich auf Reisen auch keine Strandorte. Ich komme aus Cornwall und habe miterlebt, wie sich alles verändert hat, seit Orte wie Pedn Vounder in den sozialen Medien populär geworden sind. Strände, die früher nicht einmal auf Google Maps auftauchten, sind zu bestimmten Zeiten des Jahres chaotisch – Menschen stehen Schlange für ein Foto. Wer in so einer Nische Einfluss hat, trägt Verantwortung gegenüber den Menschen, die dort leben. Das Magazin Where Is The Cool schrieb in seinem Substack: „Geheimhaltung ist eine Form der Fürsorge.“ Dem kann ich nur zustimmen.
Foto: Joe Howard
Foto: Joe Howard
2023 habe ich mein erstes selbstverlegtes Buch KYANOS abgeschlossen – das Ergebnis von fünf Jahren Arbeit auf zehn griechischen Inseln. Ich wollte ein Bild zeigen, das für mich näher an der Wirklichkeit war: die Kontraste zwischen den Ionischen Inseln und den Kykladen, die Veränderungen in Landschaft, Architektur und Geologie. Damit wollte ich die Vorstellung hinterfragen, Griechenland bestehe nur aus weiß-blauen Häusern und Windmühlen. Als letzten Ort wählte ich Santorini – fast als Herausforderung. Ich wollte eine andere Seite der Insel fotografieren. Nicht die bekannten Klippen von Oia, wie man sie von unzähligen Reisemagazin-Covern kennt.
Santorini ist anders als jede andere griechische Insel. Ein versinkender Vulkan mit schwarzem Sand, irgendwo zwischen Puppenstadt und gewachsenem Dorf. Rund 15.000 Menschen leben dauerhaft dort. Gleichzeitig reisen jedes Jahr etwa 743.000 Menschen per Flugzeug an; hinzu kommen täglich bis zu 17.000 Kreuzfahrtpassagiere. Für eine Insel mit nur 75 Quadratkilometern ist es erstaunlich, dass sie in der Hochsaison überhaupt funktioniert.
Wenn ich reise, dreht sich mein Tag oft um das Mittagessen und das Schwimmen – dazwischen halte ich Ausschau nach Motiven. Nach Jahren in Griechenland habe ich gelernt: Das beste Essen findet man meist im Landesinneren oder in Fischerorten, in denen noch gearbeitet wird. Santorini war da keine Ausnahme. Ohne festen Plan unterwegs zu sein, führte uns zu Szenen, die man auf Instagram selten sieht. Ich verstehe, warum Oia so anzieht. Aber geht es darum, den Ort wirklich zu erleben – oder nur darum zu zeigen, dass man dort war? Es ist überfüllt, die Restaurants ähneln sich, und für die Aussicht zahlt man drauf. Bei dieser Menschenmenge fällt es mir zumindest schwer, dort zu fotografieren.
Foto: Joe Howard
Ohne festen Plan unterwegs zu sein, führte uns zu Szenen, die man auf Instagram selten sieht
Foto: Joe Howard
Foto: Joe Howard
Jemand hat einmal etwas zu mir gesagt, das hängen geblieben ist: „Man hat das Gefühl, man müsse Big Ben oder die Tower Bridge sehen, sonst sei man nicht wirklich in London – weil genau das erwartet werde.“ Reisen wir, um sagen zu können, dass wir dort waren? Oder um einen Ort wirklich zu erleben? Die Fotos, die ich auf Santorini gemacht habe, gehören am Ende zu meinen Liebsten im Buch – was ich selbst nicht erwartet hatte. Jemand sagte mir, er hätte nicht vermutet, dass sie auf Santorini entstanden seien, wenn ich es nicht erwähnt hätte. Für mich ist das ein Erfolg. Es ist Santorini – nur eine Version, die ungewohnt wirkt.
Es lohnt sich, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich etwas mehr Mühe zu geben. Ankommen, das Offensichtliche fotografieren und weiterziehen – das fühlt sich an wie eine verpasste Chance. Diese Reise hat mir gezeigt, dass ein Ort immer mehr ist als die Bilder, die man online sieht. Und dass man die eigenen Erwartungen nicht schon vor der Ankunft durch soziale Medien bestimmen lassen sollte.

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